Im Kino «Die Blumen von gestern»: Gemeinsam geschichtsgestört

Regisseur Chris Kraus geht mit einer schwarzen Komödie auf den deutschen «Knorz» bei der Bewältigung der eigenen Vergangenheit los.

Adele Haenel und Lars Eidinger. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fundamentalistischer Historiker trifft auch freche Französin: Lars Eidinger und Adèle Haenel. Xenix Films

«Ich kann nicht hier sitzen und essen, während wir vor einem Auschwitz-Foto sitzen und über den Auschwitz-Kongress reden.»

Der Mann, der sich weigert, am Konferenztisch im Holocaust-Forschungszentrum Häppchen zu essen, ist Historiker und Holocaust-Forscher. Gespielt wird der Historiker mit dem seltsamen Namen Totila Blumen von Lars Eidinger.

Schon über die Besetzung macht Regisseur Chris Kraus klar, dass seine Hauptfigur ein komplexer und widersprüchlicher Mensch sein dürfte. Denn für solche Rollen ist Lars Eidinger bekannt geworden.

Fiese Firmenevents

Totila Blumen ist ein Fundamentalist. Dass sein neuer Vorgesetzter am Institut Sponsoren für den Holocaust-Kongress sucht und die Bibliotheksräume für Firmenevents vermietet, findet Totila völlig daneben: «Jemandem, der sich Firmenevents ausdenkt, ist doch scheissegal, was in Auschwitz passiert ist.»

Trailer: «Die Blumen von gestern»

2:06 min, vom 28.4.2017

Nun soll ausgerechnet der Fundamentalist Totila Blumen die neue Praktikantin aus Frankreich betreuen. Sie ist nicht nur die Geliebte des verheirateten Chefs, sondern die Enkelin einer Holocaust-Überlebenden und selber ziemlich radikal.

Schon am Flughafen gibt sie Totila Blumen den Tarif durch: «Mein Vater hat gesagt, man soll alle deutschen Hunde einschläfern. Vor allem diese Hitler-Hunde. Die Schäferhunde.»

Adèle Haenel: furchtlose Französin

Die radikale Zazie wird von Adèle Haenel gespielt, von der man durchaus behaupten kann, sie sei das französische Pendant zu Lars Eidinger: eine furchtlose Schauspielerin mit Humor und einer Intensität, die innert Sekunden vom einen Extrem ins andere fallen kann.

Regisseur Chris Kraus sagt, ursprünglich habe ihn eine vage Hoffnung getrieben: Die Idee einer romantischen Komödie zwischen Täterenkel aus Deutschland und Opferenkelin aus Frankreich als Möglichkeit, aus dem erstarrten Opfer-Täter-Schema des Gedenkens auszubrechen.

Lustvolles Ausloten der Grenzen

Klar: Ein solches Unterfangen muss schnell an Pietätsgrenzen stossen. An denen kratzt der Film mit einer unglaublichen Lust. Ob Opferhaltung als moralische Keule bei Zazie oder Selbstgerechtigkeit beim Einfordern der Pietät bei Totila, wie etwa seinem absurden Essverbot im Konferenzzimmer: Sowohl Zazie wie auch Totila kennen keine Grenzen und keine Zurückhaltung.

Das bringt die beiden einander schliesslich näher: Sie sind freie Radikale in einer funktionsgesteuerten Welt, sie können ihre Worte und ihr Denken nicht mässigen. «Die Blumen von gestern» räumt auf mit der Idee, man könne verzeihen und vergessen. Es gilt, mit den Wunden zu leben, gemeinsam gestört zu bleiben.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 28.04.2017, 06:50 Uhr.