Neu im Kino «Le ciel attendra»: Was westliche Mädchen in den Dschihad treibt

Entsetzen und Verwunderung: Reflexartig stellen sich diese Gefühle ein, wenn ein westlicher Teenager sich dem IS anschliesst. Der Spielfilm «Le ciel attendra» zeigt, wie zwei junge Französinnen zu Fundamentalistinnen werden. Eine bestechende Annäherung – die vermeidet, plakativ zu sein.

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«Le ciel attendra»: Was westliche Mädchen in den Dschihad treibt

3:57 min, vom 10.8.2016

Mélanie (Naomi Amarger) ist eine ganz normale, schüchterne 16-Jährige. Ihre Schulkolleginnen würden sie wohl als Streberin bezeichnen, weil sie sich sozial engagiert und stets gute Noten nach Hause bringt, aber nie einen männlichen Verehrer.

Erst als sie im Internet einen Jungen kennenlernt, beginnt sich ihre Realität und ihr Weltbild zu wandeln. Mélanie ist rasch Feuer und Flamme für den Charmeur, der sie mit süssen Schmeicheleien und gesellschaftskritischen Verschwörungstheorien eindeckt.

Sonia (Noémie Merlant) blickt aus dem Fenster eines fahrenden Autos mit flatternden Haaren in den Himmel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sie träumt von einem Platz im Himmel: Sonia (Noémie Merlant). Guy Ferrandis/Agora Films

Dschihadisten als Popstars

Das Internet und die sozialen Medien spielen eine entscheidende Rolle bei der Rekrutierung des Terrornetzwerks Islamischer Staat, kurz IS. Gerade bei den jungen Frauen sind es nur selten radikale Prediger aus den Moscheen, die den Ausschlag geben.

Stattdessen sprechen Experten vom sogenannten «Pop-Dschihadismus», der durch geschickte Propaganda und Selbstinszenierung im Netz befeuert wird. Vielen Dschihadisten gelingt es, sich als Sehnsuchtsobjekte zu etablieren, die Mädchen wie Popstars verehren.

Islamismus als Teenager-Rebellion

Etwas stellt Marie-Castille Mention-Schaars «Le ciel attendra» allerdings rasch klar: Es ist nicht immer die fehlgeleitete Suche nach Liebe oder dem starken Mann, die Mädchen in die Arme der Terroristen treibt. Manchmal stellt das Bekenntnis zum Salafismus auch einen rebellischen Akt der Selbstbehauptung dar.

Sonia (Noémie Merlant), die zweite Hauptfigur des Films, verhüllt Körper und Gesicht, um sich von ihren Eltern abzusetzen. Diese verstehen sich zwar durchaus als Muslime, aber – wie die meisten in Frankreich – als liberale. Für die durchs Internet radikalisierte Sonia sind Mama und Papa darum «Kafirn»: Ungläubige, für die es im Himmel garantiert keinen Platz haben wird.

Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar sitzt mit überkreuzten Beinen auf einem Teppich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Regisseurin M.-C. Mention-Schaar recherchierte im Umfeld jugendlicher IS-Anhänger. Locarno Film Festival

Gerade kein Klerus

Die dokumentarisch wirkende Authentizität, mit der «Le ciel attendra» besticht, hat viele Gründe. Einerseits basiert das von Regisseurin Mention-Schaar mitverfasste Drehbuch auf präziser Recherche. Anderseits ist da das spürbare Interesse, ein modernes Phänomen zu verstehen – ohne plakativ oder meinungsbildend sein zu wollen.

Personifiziert wird diese Art der Wissensvermittlung im Film von einer Mediatorin (Dounia Bouzar), welche das Schwarz-Weiss-Denken der radikalisierten Teenager aufzubrechen versucht. Als sie von Sara als Ungläubige beschimpft wird, klärt sie diese über ihren Irrtum auf: «Man soll nicht darüber richten, wer gottgefällig ist. Nur Gott kann das. Weisst du das nicht? Ich habe den Islam gewählt, weil er keinen Klerus kennt.»

Anti-islamistisch, nicht anti-muslimisch

Marie-Castille Mention-Schaars «Le ciel attendra» ist also glücklicherweise alles andere als ein anti-muslimischer Film, obwohl er klar Stellung gegen den islamistischen Terror bezieht. Aufregen werden sich nur diejenigen, die glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben.

Kinostart: 6. April 2017