Neu im Kino Mit den Eltern abstürzen? Der Film «Parents» rät davon ab

Für einmal wieder das junge Paar von damals sein? Das dänische Drama zeigt, wie wahnsinnig solcher Jugendwahn sein kann.

Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen auf der Treppe eines Treppenhauses. Ihnen kommt ein junger Mann entgegen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Niemand ahnt, dass es hier zu einer inzestuösen Situation kommen wird: Im Treppenhaus einer Einweihungsparty. Outside the Box

Nach dem Auszug ihres Sohns machen sie einen Nostalgietrip. Vibeke und Kjeld ziehen in die Kopenhagener Dachwohnung, in der sie einst als junges Paar wohnten. Über Nacht verwandeln sich die zwei in ihr jüngeres Ich von damals. Plötzlich sind sie so alt wie ihr Sohn. Aber der Traum von der wiedererlangten Jugend entpuppt sich als Albtraum.

Trailer zu «Parents»

1:35 min, vom 31.3.2017

Unbequemer Nostalgietrip

Wir kennen den Schauer, den uns der eigene Nostalgietrip über den Rücken jagen kann. Die alte LP von damals, die man plötzlich wieder in den Händen hält. Oder eine Fotografie, auf der man sich selber entgegenlächelt wie der junge Dorian Gray, im schaudernden Bewusstsein, dass man nun selber das Bildnis ist, gealtert und verändert.

Dabei spielt Christian Tafdrup diesen Schreckenstrumpf erst mal gar nicht aus. Zunächst schraubt er am Abschiedsschmerz der Eltern, die ihren Sohn ziehen lassen müssen. Mit der Peinlichkeit, wenn der Vater in des Sohnes neuen Wohnung Gestelle anschraubt, die Mutter den Standort der Couch bestimmen möchte und der Sohn zwar schnell die Wäsche nach Hause bringt, aber dann gleich wieder mit der Freundin loszieht.

Spaghetti kochen, wie früher

Die Peinlichkeiten, die Verlorenheit der Eltern, die mit sich selber nichts anzufangen wissen, die verschwinden erst nach dem Umzug in das renovierte Dachappartement. Plötzlich schweben die zwei in ihren Reminiszenzen, kommen sich näher und näher.

Als der Sohn dem Vater erklärt, seine Freundin habe ihn verlassen, ist dieser nur halb bei der Sache, weil er nebenbei mit seiner Frau via SMS flirtet. «Es kommt immer wieder ein neues Mädchen», muntert er den Filius auf und geht nach Hause, um mit Vibeke Spaghetti zu kochen, wie früher.

Ein junges Paar sitzt oben ohne auf dem Bett und küsst sich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jung, neugierig und liebeshungrig: Vibeke und Kjeld als junges Paar. Outside the Box

Flirt zwischen Mutter und Sohn

Aber dann kommt die körperliche Verjüngung und mit ihr zunächst die Freude über den alten neuen Körper und seine Möglichkeiten. Selbst der Auftritt bei der Einweihungsparty des Sohnes geniessen die Eltern quasi inkognito: Sie sind im Alter von Esbens Freunden.

Plötzlich kommt die Ernüchterung, zumindest für Kjeld. Mutter und Sohn sitzen angeregt redend im Treppenhaus und sehen natürlich gar nicht aus wie Mutter und Sohn. Bei Kjeld setzt die Eifersucht ein.

«Wie damals» – aber anders

Ab jetzt spielt der Film seinen Grundeinfall konsequent ins Dunkel. Kjeld versucht krampfhaft, die Dachwohnung «wie damals» umzugestalten – was auf konsequente Verwüstung hinausläuft.

Und da beginnt der Film denn auch an Eskil Vogts «Blind» zu erinnern: An den Moment, da wir als Zuschauer die Wohnung der blinden Frau nicht mehr mit ihren inneren Augen sehen, sondern so, wie sie sich wahrscheinlich in Wirklichkeit präsentiert.

Eine junge Frau sitzt auf einem Sessel. Sie trägt ein blaues Kleid. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So sah sie damals aus. So sah er mich damals an: «Parents» spielt mit der Erinnerung. Outside the Box

Konsequent und rücksichtslos

Parents hat ein paar kleine Längen, Redundanzen, die wohl den weniger aufmerksamen Zuschauern geschuldet sind. Und der Film spielt mit einer einzigen Idee. Aber das mit einer bewundernswerten Konsequenz und Rücksichtslosigkeit.

Das dürfte aktive wie mittlerweile eher passive Eltern ansprechen, aber ebenso ihre Kinder ab einem bestimmten Alter. Denn das, was dieser Film perfekt beherrscht, ist der Trick, jede liebenswerte Schwäche, jede Sehnsucht erst anzuspielen und dann auszuspielen, über die erste Peinlichkeit hinaus an den Punkt, wo der Schmerz einsetzt.

Keiner kann sagen, das geht mich nichts an. Wer noch nicht da war, der (oder die) hat es noch vor sich. «Parents» geht nicht nur unter die Haut, der Film versöhnt auch auf radikale Art mit dem Älterwerden. Indem er den Jugendlichkeitswahn zum Wahnsinn erklärt.

Kinostart: 30.03.2017

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 30.03.2017, 17.15 Uhr