Gotthard-Abstimmung: Spielend eine Meinung bilden

Die Stimmbeteiligung von 18- bis 30-Jährigen ist dürftig. Politisches Desinteresse? Nein, unattraktives Infomaterial – sagen drei Zürcher Game-Designer. Im Vorfeld zur Gotthard-Abstimmung versuchen sie, junge Menschen mit einem «Opinion Game» zum Nachdenken zu bewegen – und zum Abstimmen.

Ende Februar wird darüber abgestimmt, ob am Gotthard eine zweite Röhre gebaut werden soll oder nicht. An vielen jungen Erwachsenen zieht der politische Schlagabtausch spurlos vorbei: Sie werden weder ein Ja noch ein Nein in die Urne legen. Die Stimmbeteiligung bei den 18- bis 30-Jährigen befindet sich seit Jahren auf Talfahrt: Laut Studien stimmt nur jeder Vierte oder Fünfte von ihnen ab.

«Gamification»: Spielend die Welt erfassen

5:04 min, aus Kulturplatz vom 13.11.2013

Die Digital Natives wachrütteln

Politisches Desinteresse der Jugend? Benjamin Lemcke, Christian Enzler und Sebastian Imbach sehen das anders. Die sinkende Wahlbeteiligung ihrer Altersgenossen führen die ehemaligen Game-Design-Studenten der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) vor allem auf das Fehlen von attraktiv aufbereitetem Info-Material zurück.

«Es gibt kein Medium, das jungen Wählern gerecht wird», erklärt Christian Enzler: Denn diese gehörten zu der Generation, die mit dem Computer aufgewachsen ist, und von denen neun von zehn das Smartphone täglich nutzen. Mit einem Computerspiel wollen er und seine Mitstreiter an der politischen Gleichgültigkeit dieser Digital Natives rütteln.

Ihr «Opinion Game» kann im Browser oder auf dem Handy gespielt werden. Es soll jungen Wählern helfen, sich spielerisch und interaktiv eine eigene Meinung zu bilden. Die Idee entstand im Rahmen einer Masterarbeit. Im Vorfeld der Gotthard-Vorlage wurde sie in die Praxis umgesetzt. Unparteiisch wollen die drei Entwickler deren Pros und Contras aufzeigen.

Lastwagen wegschieben oder Pannenautos abfangen?

Der Spieler muss sich zwischen zwei Szenarios entscheiden: für oder gegen die zweite Röhre. In beiden Fällen rollt dichter Verkehr über den Bildschirm in Richtung Gotthard. Per Mausklick oder Antippen lassen die Fahrzeuge sich lenken. Entscheidet die Spielerin sich für die Pro-Seite, muss sie in der Folge Autofahrer und Lastwagen wegschieben, die den Pannenstreifen als Fahrbahn nutzen.

Je länger man spielt, desto schwieriger wird diese Aufgabe: Der Smog wird derweilen dichter. Spielt man die Contra-Seite, so heisst es, Pannenautos abzufangen und schlafende Lenker aufzuwecken, bevor es kracht: Je mehr Unfälle, desto mehr Unzufriedenheit.

Spielerisch ins Thema einsteigen

Der Spieler hat also die Wahl, ob er die Umweltverschmutzung bekämpft oder die Sicherheitslücken. Besteht da nicht die Gefahr, ein komplexes Thema zu banalisieren? Christian Enzler winkt ab: «Das Abstimmungsbüchlein wird ein solches Spiel natürlich nie ersetzen können.»

Zusatzinhalt überspringen

Das Start-Up

Drei Männer vor einem grauen Hintergrund

opiniongames.ch

Benjamin Lemcke (mitte) ist Gründer von «Opinion Games», Sebastian Imfeld (links) kümmert sich vorwiegend um Produktentwicklung und Christian Enzler (rechts) um das Marketing. Alle drei studierten zuvor Game Design an der ZhDK. Unterstützt werden unter anderem finanziell von der ZhDK und dem Impact Hub.

Er sieht das Spielerische als Ergänzung: «Uns geht es darum, einen ersten Einstieg in ein Thema zu schaffen.» Angesichts der Informationsdichte und Komplexität des Abstimmungsbüchleins soll das «Opinion Game» die Positionen spielerisch auf eine Handvoll zentraler Argumente herunterbrechen.

Neutraler als Kampagnenspiele

Ganz neu ist diese Idee nicht: Sogenannte «Serious Games», informative Spiele, werden heute in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft eingesetzt, etwa in Spitälern, Schulen oder Museen. Durch Belohnung und Automatisierung sollen dabei spielerisch Lerneffekte erzielt, oder der Spieler im realen Leben zu einem bestimmten Verhalten motiviert werden.

In der Politik ist dieses Prinzip bereits angekommen: So veröffentlichten etwa die SVP und Economiesuisse eigene Kampagnenspiele. Das «Opinion Game» zur Gotthard-Abstimmung unterscheidet sich von diesen nicht nur durch die ausgefeiltere Spielmechanik. Es bezweckt auch das Gegenteil: politische Positionen neutral zu vermitteln – und auch über das Spiel hinaus zugänglich zu machen.

Spielerische Frischekur

Die Entwickler wollen in Zukunft auch Texte und Links einbetten, etwa zur Homepage der Pro- und Contra-Komitees. Auf der Plattform opiniongames.ch wollen sie nach dem Gotthard-Spiel mehrmals jährlich kostenlose «Opinion Games» anbieten zu gesellschaftlichen Themen oder im Vorfeld von politischen Abstimmungen.

Sie hoffen, damit längerfristig nicht nur Private und Schulen zu erreichen, sondern eines Tages vielleicht sogar selbst Teil dieses komplexen, roten Abstimmungsbüchleins zu sein, dessen Inhalt sie einer spielerischen Frischekur unterziehen.

Sendung zu diesem Artikel