Wissenschaft im Mittelalter Maria Sibylla Merian: Ein herausragendes Doppeltalent

Schon vor über 300 Jahren staunten Maria Sibylla Merians Zeitgenossen über das Können der Künstlerin und Insektenforscherin. Es gab aber auch noch andere Frauen, die zu dieser Zeit Berühmtheit erlangten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Maria Sibylla Merian begann bereits als 13-Jährige Tiere zu zeichnen. Mit 28 gab sie den ersten Teil ihrer Bücher über Blumen heraus, mit 32 erschien der erste Band ihrer Raupenbücher.
  • 1699 machte sie eine Forschungsreise nach Surinam. Seit dann galt sie unter den Gelehrten Europas als Kapazität – damals als Frau eine Besonderheit.
  • Maria Sibylla Merian war aber nicht ganz so exotisch, wie sie gerne beschrieben wird. Es gab zu dieser Zeit auch viele andere Frauen, die wie Merian eigene Wege gingen.

7. Maria Sibylla Merian war unbestritten eine aussergewöhnliche Person: Die Tochter des berühmten Kupferstechers Matthäus Merian hatte sein zeichnerisches Talent geerbt, früh machte sie sich mit ihren wunderschönen Blumenbilder als Künstlerin einen Namen.

Noch aussergewöhnlicher war ihr Interesse an Raupen und deren Verwandlung zu allen möglichen Flügelwesen. Als 13-Jährige sammelte sie die Tierchen in ihrer Geburtsstadt Frankfurt, setze sie in Schächtelchen, fütterte und zeichnete sie, notierte akribisch, was aus ihnen wurde.

Wunderbare Verwandlung

Sie war 32 Jahre alt war, als sie das erste Raupenbuch herausgab. Drei Jahre später folgte der zweite Band von «Der Raupen wunderbarer Verwandlung und sonderbarer Blumennahrung» – alle Texte und Zeichnungen stammten von ihr.

Spätestens als sich Merian 1699 auf die Forschungsreise nach Surinam machte, mit der Frage im Kopf, ob sich südamerikanische Raupen gleich verwandeln wie europäische, galt sie unter den Gelehrten Europas als Kapazität.

Nicht ganz so exotisch

Wertgeschätzt wurde sie von Männern ebenso wie von Frauen. Denn – und das ist der Punkt, auf den die Biografin Beuys immer wieder hinweist – die Frau war zwar als Doppeltalent herausragend, aber die Art der Lebensgestaltung war nicht ganz so exotisch, wie sie aus heutiger Sicht gerne beschrieben wird.

Bekannte Frauen

Es gab viele andere Frauen, die wie Merian eigene Wege gingen, ohne von den Zeitgenossen als «unkonventionell» eingestuft zu werden.

Einige waren sehr berühmt: Zum Beispiel die Blumenmalerin Rachel Ruysch, die in Amsterdam eine fast identische Sozialisierung erlebt wie Maria Sibylla Merian in Frankfurt, oder die reiche Sammlerin, Botanikerin und Mäzenin Agnes Block, die ebenfalls in Amsterdam ihr Geld grosszügig für Forschung im Bereich der Naturwissenschaften zur Verfügung stellte.

«Wunderwerk ihrer Zeit»

Zu den bekanntesten Frauen dieser Zeit zählt Anna Maria van Schurman. Heute würde man sie vielleicht als internationale Intellektuelle bezeichnen, damals wurde sie als «holländische Minerva» und «Wunderwerk ihrer Zeit» betitelt – so Historikerin Barbara Beuys. Sie habe zehn Sprachen beherrscht, darunter Latein, Griechisch, Hebräisch, Syrisch, Aramäisch und Äthiopisch.

Wegen ihres Wissens und ihrer Klugheit wurde sie als erste Frau überhaupt in Utrecht an eine Universität zugelassen. 1636 war das – und sie blieb die Letzte für viele Jahre. Aber immerhin: Es war möglich.

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Buchhinweis

Barbara Beuys: «Maria Sibylla Merian – Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau. Eine Biografie», Suhrkamp Verlag, 2016.

Viktorianische Brille

Diese Frauen waren aussergewöhnlich. Aber nicht – wie es durch die viktorianische Brille des 19. Jahrhunderts und durch die feministische des 20. Jahrhunderts scheinen mag – weil sie jegliche Konventionen über Bord geworfen haben, sondern weil sie starke und durchaus von ihren Zeitgenossen akzeptierte Persönlichkeiten waren.

Niemand stellte sich ihnen in den Weg mit dem Argument, «eine Frau tue das nicht». Das Mittelalter – sagt Barbara Beuys – war zeitlich noch nicht so weit weg. Damals war es eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen zum Haushaltseinkommen beitragen – dazu gehört auch, dass Gelehrte und Künstler ihren talentierten Töchtern das eigene Handwerk weitergaben.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 13.1.2017, 9:02 Uhr.

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