Kultur-Hackathon: Schweizer Kulturerbe, neu programmiert

In Bern trafen sich Software-Entwickler, Wissenschaftler, Programmierer, aber auch Bibliothekare oder Künstlerinnen beim ersten Kultur-Hackathon der Schweiz. Sie haben Datenschätze aus den Archiven gehoben und Ideen entwickelt, wie man das kulturelle Erbe für eine breite Öffentlichkeit nutzen kann.

An den Wänden hängen vollgeschriebene Plakate, an den Fenstern kleben bunte Post-it-Zettel. Die rund 100 Teilnehmer des Kultur-Hackathons sitzen in kleinen Teams in einem engbestuhlten Saal um ihre Laptops, diskutieren, tauschen sich aus, entwickeln, programmieren.

Die Mitglieder der Teams kennen sich erst seit ein paar Stunden, sie kommen aus ganz verschiedenen Fachrichtungen: Es sind Programmierer und Grafiker, Archivare und Bibliothekare, dazu Vertreterinnen und Vertreter von Institutionen wie dem Bundesarchiv oder Wikimedia Schweiz. Zwei Tage lang schliessen sie sich in der Nationalbibliothek ein und experimentieren mit den digitalen Datensätzen. «Es gibt sehr unterschiedliche Leute in dieser Community», sagt Beat Estermann, einer der Organisatoren. «Wenn man die zusammenmischt, kommt einiges dabei raus.»

Das Ziel des Hackathons ist es, Ideen und Wege zu entwickeln, wie offene Daten und offene Inhalte im Kulturbereich gefördert werden können. Viele digitale Sammlungen von Museen und Archiven sind frei zugänglich, doch für die breite Öffentlichkeit bleiben sie in den enormen Weiten des Internets verborgen. Das soll sich ändern: Die Daten sollen für ein möglichst grosses Publikum attraktiv werden – dafür soll der Hackathon den Grundstein legen.

Bilderwolke statt Bildergalerie

Mathias Bernhard, Architekt und Doktorand an der ETH Zürich, ist einer Teilnehmer am Hackathon. Sein Team arbeitet mit der Gugelmann Sammlung aus der Schweizer Nationalbibliothek, eine bedeutende Bildkollektion der sogenannten Schweizer Kleinmeister, die ihn sofort faszinierte, wie Bernhard sagt: «Als wir die verschiedenen Datensätze anschauten, die uns zur Verfügung standen, haben wir uns schnell in die Gugelmann-Sammlung verliebt. Zum einen wegen der Bilder an sich, aber auch wegen der grossen Datenmenge. Das war gutes Rohmaterial, um damit zu arbeiten.»

Diese Bilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind von der Nationalbibliothek Bern digitalisiert, sorgfältig beschriftet und auf Wikipedia hochgeladen worden, dort kann jeder drauf zugreifen. Doch wie kann sich ein Laie in dieser unglaublichen Fülle von Material zurecht finden?

Auf einem Computerbildschirm sind kleine Bilder als 3D-Wolke zu sehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bilderwolke statt Bildergalerie: eine Möglichkeit, über 2000 Bilder fassbar zu machen. SRF/Matthias Willi

Mathias Bernhard und sein Team haben sich des Problems angenommen und am Hackathon an einer neuen Darstellungsform gearbeitet: «Anstatt einer linearen Slideshow, wo man 2400 Mal auf ‹next› klicken muss, wollten wir die Bilder in einem dreidimensionalen Raum darzustellen.»

Er und seine Kollegen programmierten die Bilder zu einer Art Wolke. Mit der Maus kann man in diese Bilderwolke hineinfliegen und heranzoomen, was einen interessiert. Die Bilder können immer wieder nach verschiedenen Kriterien neu geordnet werden, zum Beispiel nach Techniken oder Motiven, je nachdem, was man für Fragen an diese Sammlung stellt. Durch die Cluster, die so entstehen, werden die Gemeinsamkeiten der Malereien schnell deutlich.

Spielerisch und abstrakt

Viele der Projekte hatten eine spielerische Komponente: So programmierte ein anderes Team einen Geo-Guesser: Historische Fotos von Lausanne sollen auf einem modernen Stadtplan den entsprechenden Orten zugewiesen werden. Je genauer man den Ort bestimmen kann, desto mehr Punkte gibt es. Ein weiterer Teilnehmer programmierte ein Solitaire-Spiel mit historischen Schweizer Spielkarten.

Andere Projekte blieben abstrakter: Ein Team beschäftigte sich mit Möglichkeiten, die Zusammenhänge zwischen den Diplomatischen Depeschen aus dem Ersten Weltkrieg und der damaligen Berichterstattung der Zeitung «Le Temps» zu visualisieren. Ein anderes Projekt nahm die historischen Fahndungsfotos von Heimatlosen und programmierte eine automatische Gesichtserkennug für die jeweiligen Bilder.

«Da ist ein Drive drin»

Organisator Beat Estermann ist zufrieden mit den Ergebnissen des Kultur-Hackathon. «Ich war sehr beeindruckt, wie unterschiedlich die Resultate ausgefallen sind. Ein nächster Schritt wäre jetzt der Einbezug der breiteren Öffentlichkeit. Man müsste die Projekte noch etwas ausarbeiten, aber könnte sie dann zum Beispiel in einer kleinen Ausstellung in einem Archiv zeigen oder sie an einer Museumsnacht dem Publikum präsentieren.»

Auch das Fazit der Teilnehmer war vor allem positiv: «Es hat Spass gemacht, mit neuen Bekanntschaften neue Dinge zu entwickeln», «Ich war beeindruckt, wie intensiv die Leute gearbeitet haben,» und «Es war faszinierend, wie viele verschiedene Ansätze es gab», lauteten die Urteile.

Auch wenn noch nicht feststeht, inwiefern die einzelnen Projekte weiterentwickelt werden, ist klar: Es war nicht die letzte Veranstaltung dieser Art. «Es hat sich gelohnt, wir werden das auch sicher wiederholen», sagt Beat Estermann. «Die Community wächst und wir merken: Es gibt mittlerweile eine Eigendynamik, die Dinge werden weitergetragen. Da ist ein Drive drin.»

Sendung: Kultur Kompakt, 2. März 2015, 12:10 Uhr

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