Mauer Mexiko-USA Wie eine Grenze die Menschen vereint

Familien, Paare, Freunde – sie alle entzweit die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Ein Künstler kämpft dagegen an.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der mexikanische Künstler Enrique Chiu setzt sich in Tijuana für den künstlerischen Austausch zwischen Mexiko und der USA ein.
  • Auf Facebook lädt Chiu Freiwillige dazu ein, gemeinsam zwei Kilometer des Grenzzauns zu bemalen.
  • Über 200 Freiwillige aus allen Teilen der Welt folgen dem Aufruf und machen bei der Aktion «Mauer der Brüderlichkeit» mit.

Sechs Meter hoch sticht der Stahlzaun in den grauen Winterhimmel. Enrique Chiu klettert mit festen Schritten die Leiter hinauf. Vor ihm liegen Stacheldraht, Einöde und der Jeep der amerikanischen Grenzpolizei. Hinter ihm die mexikanische Grenzstadt Tijuana.

Die Grenze der Kunst

3:27 min, aus Kultur kompakt vom 12.01.2017

3145 Kilometer Grenze trennen Mexiko und die Vereinigten Staaten. Jeden Tag überqueren sie tausende Menschen – viele von ihnen illegal und riskieren dabei ihr Leben. Seit den 1990er-Jahren hat der amerikanische Grenzschutz mehr als 6000 Tote an der Grenze geborgen.

Die Mauer als Symbol der Zwietracht

Enrique Chiu ist ein mexikanischer Künstler. Viele Jahre lang hat er in Los Angeles und San Diego gelebt. Heute setzt er sich in Tijuana für den künstlerischen Austausch zwischen den Nachbarländern ein. Er kennt beide Seiten der Grenze. Er kennt die Geschichten von Trennung, Tod und Angst.

Angst auch, dass die Mauer mit dem designierten US-Präsidenten Donald Trump noch länger, noch höher werden soll. «Die Menschen hier sehen die Mauer als Symbol des Rassismus, der Angst, der Zwietracht», sagt er, «für sie repräsentiert die Mauer eine neue Politik, die uns Mexikaner ausgrenzen will». Er aber will der Welt beweisen, dass eine Grenze nicht nur entzweien, sondern auch vereinen kann.

Enrique Chiu und einige seiner freiwilligen Helfer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Enrique Chiu und einige seiner freiwilligen Helfer (Tim Abraham 3.v.l. hinten). SRF/ Lisa Hagen

Von Grenzstädten zu Schwesternstädten

Dezember 2016. Enrique Chiu tippt in die Tasten seines Laptops. Auf Facebook lädt er Künstler und Freiwillige weltweit dazu ein, gemeinsam zwei Kilometer des Grenzzauns zu bemalen. «Mauer der Brüderlichkeit» nennt er seine Aktion.

Mit dieser will er den vielen Migranten helfen, die auf der Suche nach dem amerikanischen Traum versuchen illegal in die USA zu kommen, oder abgeschoben worden sind und nun in Tijuana festsitzen. «Unser Kunstwerk ist vielleicht keine finanzielle Stütze, aber es zeigt, dass wir gemeinsam alles erreichen können.»

Bilder der Hoffnung

Über 200 Freiwillige folgen seinem Aufruf, reisen aus den USA, Mexiko, und der ganzen Welt nach Tijuana. Auf den rostigen Eisenstangen des Zauns flattern auf einmal Schmetterlinge, Sonnenblumen blühen und Luftballons steigen in den Himmel.

Kreuze erinnern an der Grenze an die toten Migranten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kreuze erinnern an der Grenze an die toten Migranten. SRF/ Lisa Hagen

Tim Abraham kommt aus Jordanien und lebt zurzeit in Tijuana. Er hat von Anfang an mitgemalt und wünscht sich, dass der bunte Grenzzaun, die Trennung für die betroffenen Familien erträglicher macht. «Ich habe selber Kinder und es bricht mir das Herz, wenn ich sehe wie ein achtjähriges Mädchen auf der mexikanischen Seite seinen Geburtstag feiert und ihr Vater von der amerikanischen Seite aus zusehen muss», sagt Tim Abraham während er den Zaun mit groben Pinselstrichen himmelblau grundiert.

Jedes Wochenende beobachtet er, wie Menschen aus ganz Mexiko nach Tijuana kommen. Denn hier liegt auch der Freundschaftspark, ein kleiner Abschnitt des Zauns, an dem sich Familien durch den Grenzzaun hindurch sehen und unterhalten dürfen. Berühren können sie sich nur an den Fingerspitzen.

Die Angst vor der Abschiebung

Allein im vergangenen Jahr wurden 150‘000 Menschen aus den USA nach Mexiko abgeschoben. Mit Donald Trump als neuen US-Präsidenten fürchten viele Mexikaner, dass sich die Lage in den kommenden Monaten weiter zuspitzen wird. Schliesslich hat Trump schon während des Wahlkampfs angekündigt, bis zu drei Millionen illegale Einwanderer schnellstmöglich abzuschieben.

Enrique Chiu will diese Angst auf seine eigene Art bekämpfen. «Klar, an der US-Politik können wir nichts ändern. Aber wenn die Amerikaner in den kommenden vier Jahren eine neue Mauer bauen, werden wir die eben auch bemalen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 9.1.2017, 17:06 Uhr.