Hörbuch mit Bibiana Beglau «Die Stimme ist ein feines Instrument – man hört jede Lüge»

Viele Schauspielerinnen lesen nebenbei Hörbücher ein. So auch Bibiana Beglau. Wir haben mit ihr über das Sprechen gesprochen.

Bibiana Beglau. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bibiana Beglaus Gesicht kennen viele aus dem Theater oder TV. Sie liest auch Hörbucher. Imago/Future Image

SRF: Bibiana Beglau, wie fühlen Sie sich als Hörbuch-Interpretin in eine Figur hinein?

Ich fühle mich da gar nicht hinein. Aber ich mache zum Beispiel mit Mareike Krügels Hauptfigur Kat zusammen den Haushalt. Quasi als ihre Freundin, als aussenstehende Person. Und ich beobachte sie von aussen, während ich spreche.

Die Romanvorlage

«Sieh mich an» von Mareike Krügel erzählt von Kat. Kat macht Listen. Listen auch mit möglichen Sprüchen für ihren Grabstein.
Denn vor kurzem hat sie ein «Etwas» in ihrer Brust entdeckt. Aber sie kann noch nicht verschwinden, bevor alles erledigt ist.
Krügel erzählt in vielen komischen Szenen und köstlichen Dialogen von den alltäglichen Katastrophen ihrer etwas schusseligen Heldin. Den möglichen Tod vor Augen realisiert sie, dass es auch ohne sie weitergehen würde.
«Buchzeichen» empfiehlt es als Sommerlektüre fürs Ohr.

Ist es einfacher, ein Buch mit einer Ich-Erzählerin zu lesen?

Nein, ich glaube nicht. Die Ich-Form wirft einem stets auf sich selber zurück. Aber ich bin nicht die Figur des Romans. Sie hat nur meine Stimme.

Wenn man Literatur in der Ich-Form liest, dann vermischt sich manchmal das eigene Ich mit dem Autoren- oder Charakter-Ich. Das ist schwierig.

Ich mag diese Art der Nähe nicht. Ich verliere dann meine Neutralität. Ich würde lieber die Autorin, Mareike Krügel, sprechen lassen.

«  In der Ich-Form verliere ich meine Neutralität. »

Wie ist das, wenn man als Theater- und Film-Schauspielerin nur die Stimme als Ausdrucksmittel hat?

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Zur Person

Zur Person

Getty Images

Bibiana Beglau ist Schauspielerin und Ensemble-Mitglied des Residenztheaters München. 2017 erhielt sie den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie «Beste Interpretin» für «Die Unglückseligen» von Thea Dorn. Auch für «Sieh mich an» von Mareike Krügel hätte sie einen Preis verdient.

Ich sitze zwar beim Lesen, aber ich lebe das Erzählte trotzdem. Dafür brauche ich nicht unbedingt meine Hände. Der Text findet im Kopf statt. Und je deutlicher der Gedanke ist, umso mehr überträgt er sich. Das ist nicht anders als beim Film. Nur, dass im Film das Bild dazukommt.

Die Autorin gibt die Vorgabe. Mal sind die Sätze kürzer, schneller. Dann sind sie langsamer, gedehnter, der Punkt steht woanders. Der Text gibt einen Rhythmus vor.

Ich übe zuhause und mache mir Gedanken über bestimmte Stellen. Aber ich versuche die Interpretation aus dem Text abzuleiten und mich nicht vor, sondern hinter die Autorin zu stellen.

Wie bereiten Sie sich auf eine Hörbuch-Produktion vor?

Mit Verzweiflung (lacht). Es fängt am Briefkasten an: Man bekommt einen unglaublichen Stoss Blätter. Dann denkt man sich: «Oh Gott – das sollen wir jetzt in vier bis fünf Tagen machen! Das ist nicht zu schaffen.»

Dann setze ich mich hin und fange an zu lesen. Bis ich ein Gefühl für den Autoren habe. Ich lese den Text zweimal, immer laut, und mache meine Zeichen. Und dann geht’s ab ins Studio.

«  Der Text findet im Kopf statt. Das ist wie beim Film. »

Wenn der Regisseur eine vertraute Person ist und einen gut kennt, dann holt er die Figur aus einem heraus. Das passiert während der ersten zehn Seiten. Irgendwann merkt man: Jetzt hat man’s.

Darf man bei einer Hörbuch-Lesung spielen oder soll man einfach nur erzählen?

Das kommt darauf an. Bei Thea Dorns Roman «Die Unglückseligen» gab es comic-artige Szenen mit grossen Buchstaben übers Blatt. Das kann man nicht einfach so lesen, an solchen Stellen muss man spielen oder Quatsch machen.

Manchmal ist aber auch es besser, nur den Text zu lesen. Dem Zuhörer keine Gefühlsvorgaben zu geben. Das ist ganz individuell.

Bei Mareike Krügels «Sieh mich an» war es ein klassisches «Storytelling». Ich erzähle eine Geschichte einer Frau, die ich bin.

Was ist das Wichtigste für Sie beim Einlesen eines Hörbuchs?

Die Ehrlichkeit. Dass ich das, was ich sage, tatsächlich so meine. Die Stimme ist ein sehr feines Instrument. Man hört die Lüge sehr schnell. Es gibt keine Ablenkung. Es entsteht darum sehr konzentriert, so ein Hörbuch. Ich versuche, so ehrlich und so nahe dran zu sein wie es eben geht.

«  Die Stimme ist ein feines Instrument. Man hört die Lüge schnell. »

Sie haben dieses Jahr den deutschen Hörbuchpreis bekommen für die beste Interpretation von Thea Dorns Roman «Die Unglückseligen». Was gefällt Ihnen an der Arbeit als Sprecherin?

Mir gefällt an der Arbeit, dass sie für mich so schwer ist. Wie gesagt: nur schon dieser Papierberg! Und dann fängt man an. Und es sind Tage, die man miteinander im Studio verbringt und mit einer Geschichte.

Diese Geschichte steht im Vordergrund und alles was man tut, dient ihr. Man erschafft eine Welt. Und das macht mir grossen Spass.

Das Gespräch führte Susanne Sturzenegger.

Sendung: Radio SRF 1 , Buchzeichen, 6.8.17, 14:06 Uhr

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