Migration in Italien «Fremde sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft»

Kinder, die von einer Sardelle pro Tag lebten: Der junge Mailänder Marco Balzano über ein schmerzhaftes Kapitel italienischer Geschichte, das sein neuer Roman ins Heute holt.

Mensche, die sich umarmen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zeigt seiner Leserschaft verschiedene Arten der Migration: Marco Balzanos Roman «Das Leben wartet nicht». Keystone

SRF: Marco Balzano, wie kommt es, dass Sie einen Roman über Kinderemigration in den 1950er-Jahren geschrieben haben?

Marco Balzano: Der Auslöser für das Buch waren Berichte in den Medien über die Situation der Flüchtlinge von heute. Die haben mich wütend und betroffen gemacht haben.

Die Medien tun so, als wäre es ein Problem der heutigen Zeit, aber das stimmt nicht. Emigration ist kein Phänomen von heute. Menschen sind schon immer dahin gezogen, wo es mehr zu essen, wo es keinen Krieg, wo es Rechtssicherheit gibt.

Zusatzinhalt überspringen

Marco Balzano

Porträt des italienischen Schriftstellers Marco Balzano.

Geri Krischker / © Diogenes Verlag

Autor und Lehrer aus Mailand. Ein engagierter Zeitgenosse. Greift in seinen Romanen sozial brennende Themen auf wie Generationenkonflikte, Ungerechtigkeit, Migration.

Besonders betroffen macht, wenn man Kinder sieht, die alleine unterwegs sind. Ich will mit meinem Buch daran erinnern, dass wir vor noch nicht so langer Zeit auch in Italien selber Kinderemigration hatten.

Es waren Kinder, die von einer Sardelle pro Tag leben mussten. Kinder also, die vor dem Hunger vom Süden in den Norden geflüchtet sind. Das Problem ist, dass die Leute ein kurzes Gedächtnis haben. Man will sich einfach nicht mehr daran erinnern.

Woran liegt es, dass man sich in Italien nicht daran erinnern will? Ist es ein Tabuthema?

In gewissem Sinne schon. Für mich gibt es einen grossen Unterschied zwischen der Erinnerung und der Vergangenheit. Das Vergangene gibt es nicht mehr. Erinnerungen dagegen sind Fakten aus der Vergangenheit, die schmerzen. Verletzungen. Davon redet man nicht gerne.

Wenn ich Kinderemigration der 1950er- und 1960er-Jahre thematisiere, wecke ich etwas auf, das verdrängt worden ist. Die Menschen erinnern sich ungern an Zeiten, in denen es ihnen nicht so gut gegangen ist.

Die Literatur muss aber genau dies: Uns mit schmerzlichen Erinnerungen konfrontieren, damit wir uns bewusst werden, wer wir heute sind.

«  Neunjährige Kinder, man stelle sich das einmal vor. »

Verarbeiten Sie damit auch ein Stück eigene Geschichte? Ihr Grossvater ist in den 1950er-Jahren von Sizilien nach Mailand ausgewandert.

Das stimmt, aber er war schon erwachsen. Er wanderte mit Frau und Kind nach Norden. Das Unglaubliche aber ist, dass damals über 200'000 Kinder von Süden nach Norden unterwegs waren. Viele von ihnen alleine, ohne Eltern.

Sie kamen aus kleinen Dörfern Siziliens, Kalabriens und mussten sich in den Grossstädten im Industriegürtel Norditaliens durchschlagen. Das heisst: Einen Platz zum Schlafen, Arbeit und etwas zu Essen suchen. Neunjährige Kinder – man stelle sich das einmal vor.

Diese ehemaligen Kinderemigranten – zumeist Buben – leben zum Teil heute noch. Ich habe viele von ihnen besucht. Ihre Geschichten habe ich in meinen Roman einfliessen lassen. Die Hauptfigur Ninetto ist quasi ein Konglomerat daraus.

Diese Männer sind heute zwischen 75 und 80 Jahre alt. Was haben sie Ihnen erzählt?

Das Erstaunliche ist, dass sie mir sehr gerne davon erzählt haben, wie sie sich als Kinder in Mailand durchgeschlagen haben. Daran erinnern sie sich mit einer gewissen Wehmut. Das Leben war zwar hart, aber es war auch ein Abenteuer.

«  Die Flüchtlingskinder von heute haben ganz andere Bedingungen. »

Alle erzählten, wie sie als Kinder zusammen unterwegs waren, erinnern sich an Freundschaften und Ungebundenheit. Die meisten von ihnen haben dann im Alter von 15 Jahren eine Arbeit in einer Fabrik gefunden – und da hört das Erzählen auf. Da verstummen die alten Männer, so als wären die Erinnerungen ausgelöscht.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Die 30 Jahre Fabrikarbeit sind für sie ein schmerzliches Thema. Und deshalb hören die Erzählungen oft mit dem Satz auf: «Ich bin dann in die Fabrik eingetreten und damit basta.»

Da gab es nicht mehr zu erzählen. Und vor allem schwingt mit, dass sich trotz eines gewissen Wohlstandes ihre Hoffnungen – worauf auch immer – nicht erfüllt haben.

Sie schlagen in ihrem Roman eine Brücke zu heute. Doch die Situation von Flüchtlingskindern, die Sie heute auf den Strassen von Mailand sehen, ist doch eine ganz andere und lässt sich nicht mit derjenigen der Kindermigranten aus den 1950er-Jahren vergleichen.

Ich will auf keinen Fall sagen, dass die Migration von früher und diejenige von heute gleich sind. Die Flüchtlingskinder von heute haben andere Bedingungen. Sie sind fremd, kennen weder Kultur noch Sprache.

Sie haben eine weite und gefährliche Reise hinter sich. Und sie flüchten vor Diktatur und Krieg. Aber etwas haben sie doch gemeinsam: Die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Erschwerend kommt heute allerdings dazu, dass diese Flüchtlinge in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit hierherkommen. In Norditalien hat es keinen Wirtschaftsboom mehr wie in den 1950er-Jahren.

«  Ich hätte diesen Roman nie geschrieben, wenn er nur von den 1950er- und 1960er-Jahren gehandelt hätte. »

Es fällt auf, dass Sie in ihren Romanen gerne soziale Themen aufgreifen. In früheren waren es Generationenkonflikte, Ungerechtigkeit – jetzt ist es die Migration. Sie arbeiten auch als Lehrer: Haben Sie da auch mit Flüchtlingskindern zu tun?

Ja, oft. Ich arbeite in einer Schule in einem Vorort von Mailand, wo viele Ausländer, auch Flüchtlinge leben. Ich finde, Fremde sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft. Es braucht aber Mittel, um die Fremden zu integrieren. Wenn es aber zehn Ausländerkinder in jeder Klasse hat und die Lehrer nicht unterstützt werden, dann ist es schwierig.

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

Marco Balzano: «Das Leben wartet nicht», Diogenes, 2017.

Die Folge sind Ghettoisierung und Ausgrenzung. Das wiederum verursacht Probleme. Meiner Meinung nach müssten diese zu lösen sein. Aber die Politik kann damit nicht umgehen. Das beschäftigt mich.

Ich hätte diesen Roman nie geschrieben, wenn er nur von den 1950er- und 1960er-Jahren gehandelt hätte. Ich wollte die Geschichte in die heutige Zeit bringen. Ich wollte die Leser mit verschiedenen Arten der Migration und den verschiedenen Gesichtern der Stadt konfrontieren.

Darum habe ich das Kind Ninetto ins Heute geholt. Ninetto, der sich als alter Mann an seine Kindheit erinnert, wenn er die Kinder auf Mailands Strassen heute sieht.

Das Gespräch führte Esther Schneider.