Mundartgeschichten Gschichte us de Höger

Im neuen Kurzgeschichtenband «Nüüt und anders Züüg» erzählt Andreas Neeser von früher, ohne nostalgisch zu werden.

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Bildlegende: Erstklassige Mundartliteratur: In «Nüüt und anders Züüg» erzählt Andreas Neeser aus der Zeit seiner Kindheit. Ayse Yavas

Es ist eine enge, ja, für manche beengende Welt, von der Andreas Neeser im Dialekt des Aargauer Ruedertals erzählt. In seiner dritten Mundartpublikation «Nüüt und anders Züüg» geht es um die Zeit seiner Kindheit in den 1960er- und 1970er-Jahren.

Starke Persönlichkeiten

Neesers Kurzgeschichten handeln von den kleinen und grossen Problemen der einfachen Leute: eine Krankheit der Mutter, die alltägliche Monotonie oder ein uneheliches Kind. Ein zentrales Thema ist die soziale Kontrolle in der kleinräumigen Dorfgemeinschaft: Was werden wohl die anderen denken?

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Andreas Neeser

 Andreas Neeser

SRF/Lukas Maeder

Andreas Neeser, geboren 1964 in Schlossrued AG, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik. Er lebt heute als Schriftsteller und Gymnasiallehrer in Suhr AG.

Auch wenn es zum Teil um schlimme Schicksale geht: Die Geschichten in «Nüüt und anders Züüg» lassen die Leserin mit einem positiven Gefühl zurück. Neesers Protagonisten sind starke Persönlichkeiten, die sich gegen die Widerstände zur Wehr setzen.

Da ist zum Beispiel Rüedu, der von einem Mitschüler geplagt wird, nur weil er aus dem Tal kommt und den «falschen» Dialekt spricht. Eines Tages hält er seinem Peiniger vor versammelter Klasse eine Standpauke über die Hügel, wo er herkommt:

«  I de Höger cha me wachse. I de Höger wird me gross. Me macht e grade Rügge, streckt de Chopf und irgendeinisch gseht me drüberuus. Emel, wenn me wott. »

Erfundene wahre Geschichten

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Buchhinweis

Andreas Neeser: «Nüüt und anders Züüg. Mundartprosa», Zytglogge-Verlag 2017.

Andreas Neeser erzählt zwar Geschichten aus seiner Kindheit. Aber den Autor mit dem schlagfertigen Schüler Rüedu zu identifizieren wäre falsch. Diesen Schüler hat es so nie gegeben. Die Geschichten seien erfunden, sagt Neeser, aber sie hätten genau so geschehen können. Wenn die Leute nach der Lektüre sagten, «Ja, genau so war es damals», dann habe er sein Ziel erreicht. Neesers Kurzgeschichten sind nicht real, aber realistisch.

Die meisten seiner Texte verfasst Neeser auf Hochdeutsch. Das Schreiben im Dialekt ist für ihn fest mit der Vergangenheit verbunden. Er könne in Mundart ausschliesslich über die Welt seiner Kindheit schreiben. «Humus-Geschichten» seien das.

Knappe Sprache

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Auch die Sprache selbst scheint aus der Vergangenheit zu kommen: Die Texte sind voll von alten Ausdrücken wie «es Niiffi» (Grimasse) oder «gnöugge» (foppen) – zum Glück gibt es im Anhang ein Glossar. Es ist eine alte und auch eine knappe Sprache, in der Andreas Neeser seine Geschichten von früher erzählt. Diese Sprache konzentriert sich auf das Wesentliche, kaum ein Wort ist zu viel.

«Nüüt und anders Züüg» erzählt von einer Welt, die heute so kaum mehr existiert. Aber wir wissen, dass es sie einmal gegeben hat, haben sie vielleicht selbst noch erlebt. Andreas Neeser ist ein authentisches Gesellschaftsbild gelungen, das Erinnerungen hervorruft.

Sendung: Radio SRF 1, Schnabelweid, 02.03.2017, 21:03 Uhr

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