Liebe statt Raketen: Der Comic-Kosmos des Jaime Hernandez

1981 läutete Jaime Hernandez eine neue Epoche in der US-amerikanischen Comic-Szene ein. In der Heftreihe «Love and Rockets» zeichnete er lebensnahe Alltagsstories aus der Latino- und Punk-Subkultur von Los Angeles. Jetzt sind zwei Hernandez-Hefte neu auf Deutsch erschienen.

«In unseren Comics zeigen wir unsere Welt», sagt Jaime Hernandez. «Punk, Rock'n'Roll und die mexikanisch-amerikanische Kultur werden gewöhnlich auf Klischees reduziert. Wir hingegen zeichnen sie, wie wir sie wirklich erleben.»

In emotional intensiven Stories schildert Jaime Hernandez das Aufwachsen, Älterwerden und Erwachsensein im fiktiven hispanischen Barrio Hoppers. Das Besondere: Die Comic-Figuren werden älter, sie entwickeln und verändern sich wie Freundinnen und Freunde, deren Leben wir begleiten.

Am Anfang war die Hauptfigur Maggie Chascarillo ein Teenager; seither ist sie nicht nur älter geworden, sondern auch molliger, ja dicker. Das sei in einem amerikanischen Comic zuvor undenkbar gewesen, bestätigt Jaime Hernandez grinsend: «Aber ich merkte, dass mit jedem Kilo auch Maggies Persönlichkeit wuchs. Ich entdeckte eine ganz neue Seite in ihr.»

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Buchhinweise

  • Jaime Hernandez: «Der Tod von Speedy», Reprodukt Verlag, 2016
  • Jaime Hernandez: «Liebe und Versagen», Reprodukt Verlag, 2016

Zwischen Schulbank und Punkclubs

Die gleichzeitige Veröffentlichung von «Der Tod von Speedy» und «Liebe und Versagen» macht die Entwicklung dieses komplexen Kosmos sichtbar. Im ursprünglich 1989 erschienenen «Der Tod von Speedy» ist Maggie unbeschwerte 20 und sucht ihren Weg zwischen Schulbank und Arbeitsamt, Billigjobs und Punkclubs, Bier und Sex. Letzteres löst in ihr grosse Verwirrung aus, fühlt sie sich von ihrer lesbischen Freundin Hopey nicht weniger angezogen als vom coolen Speedy.

Im neusten Band «Liebe und Versagen» ist Maggie um die 40: Sie ist übergewichtig, hat ihren Job verloren, viele Freundinnen und Freunde sind Drogen, Depression und Bandenkriegen zum Opfer gefallen, und sie lebt einsam und ohne grosse Perspektiven vor sich hin.

Den Machomann demontieren

Die erste Ausgabe des gemeinsamen Comic-Hefts «Love and Rockets» veröffentlichten Jaime und sein Bruder Gilbert Hernandez 1981 und lösten eine Revolution aus. «In den USA bestanden damals 90 Prozent der Comics aus pubertären männlichen Superheldenfantasien», sagt Jaime Hernandez. «Das war zwar nicht grundsätzlich schlecht, aber sehr einschränkend».

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Gilbert Hernandez

Jaimes älterer Bruder Gilbert Hernandez hat in seinen «Palomar»- und «Luba»-Geschichten eine nicht weniger vielschichtige Welt geschaffen, die ihre Wurzeln im fiktiven zentralamerikanischen Dorf Palomar hat und sich im Lauf der letzten 35 Jahren verästelte zu einer facettenreichen und hochspannenden Migrationssaga zwischen Mexico und Kalifornien.

Los Bros Hernandez brachten etwas ganz Neues in die Welt der amerikanischen Comics: Statt Superhelden schilderten sie eine sehr wirklichkeitsnahe Welt, statt das weisse Amerika bildete die mexikanisch-amerikanische Gemeinschaft den kulturellen Hintergrund, und statt Machos übernahmen selbstbewusste Frauen die Hauptrollen. «Wir wollten den Macho demontieren. Wir wuchsen mit unserer Mutter auf, ohne Mann im Haus, und wenn wir es mal mit einem Macker zu tun hatten, hassten wir ihn.»

Der überraschende Erfolg von «Love and Rockets» ermutigte viele junge Comic-Autorinnen und -Autoren, sich persönlichen und in ihrem Alltag und ihrer Kultur vererdeten Stoffen zuzuwenden. Das war der Anfang dessen, was heute «Graphic Novel» genannt wird.

Schnörkellos und vielschichtig

In «Liebe und Versagen» stellt Jaime Hernandez seine Qualitäten einmal mehr unter Beweis: Seine realistischen und doch stilisierten Zeichnungen und das schnörkellose Schwarzweiss ohne Grautöne sind von grosser Kraft, Eleganz und Subtilität. Statt sich an einen linearen Plot zu halten, verknüpft er mehrere Handlungsstränge zu einer vielschichtigen Graphic Novela.

Maggie verarbeitet vergangene Schicksalsschläge, sie stellt sich einem Familiengeheimnis aus ihrer Kindheit und trifft auf ihre alte Liebe Ray Dominguez, auch er vom Leben gezeichnet. Es ist eine bittersüsse Geschichte, die in ein quasi-Happy-End mündet. Ein Ende jedoch, das nichts abschliesst, sondern im Gegenteil viel Neugierde auf Maggies nächste Schritte weckt.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 21.06.2016, 16:50 Uhr