Haus für alle «Rein da, was machen» – Stimmen aus Hamburg zur Elbphilharmonie

Die Elbphilharmonie als «Haus für alle»? Intendantin Amelie Deuflhard, Bürgermeister Olaf Scholz, Künstler Schorsch Kamerun und Musiker Knarf Rellöm haben Antworten.

Amelie Deuflhard, Intendantin Kampnagel

Eine Frau mit verschränkten Armen und buntem Schal. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Dieser neue Leuchtturm wird eine höhere Internationalität in Bezug auf Kunst produzieren», findet Amelie Deufelhard. Marcello Hernandez

Die Elbphilharmonie in drei Stichworten:

Ursprünglich ungeliebte Schöne, Wahrzeichnen, produzierter Bilbao-Effekt.

Wie kann die Elbphilharmonie zum «Haus für alle» werden?

Dieser Slogan «das Konzerthaus für alle» war eine sehr frühe Idee in diesem ganzen Vorhaben. Ich kenne kein Haus, das mit dieser Behauptung losgegangen ist. Weil jeder weiss ja, klassische Konzerte haben Probleme mit einem überalterten, sehr bürgerlichen Publikum. Da ist «das Haus für alle» natürlich eine kluge Behauptung.

Diese Botschaft hat etwas mit der Architektur des Gebäudes zu tun. Die Plaza auf dem ehemaligen Speicher ist wie ein neuer Aussichts-Turm auf die Stadt, ein Platz wo alle hin können. Das allein produziert die Behauptung «ein Haus für alle» – dann muss man natürlich auch die Konzert-Säle für alle öffnen.

Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen Hamburgs und der Hochkultur. Wie wird sich die Elbphilharmonie (auch Elphi genannt) auf die restliche Kulturlandschaft der Stadt auswirken, wird da ein Austausch stattfinden?

Dieser neue Leuchtturm wird eine höhere Internationalität in Bezug auf Kunst produzieren. Bisher hat das Hamburger Stadtmarketing sich immer nur auf die Musicals spezialisiert – weil diese Veranstaltungen viele Hoteltouristen anziehen. Wenn jetzt der Fokus mehr zur Hochkultur rückt, was die Elbphilharmonie als Chance wirklich bietet, fände ich das natürlich gut.

Zu den Gefahren: Manche Institutionen befürchten, dass sie von der Elphi runtergebuttert werden. Ich sehe es eher so, dass man sich gut positionieren muss. Muss man in den Schatten treten, wenn es jetzt dieses glanzvolle Gebäude gibt? Ich denke nein.

Olaf Scholz, Erster Bürgermeister Hamburg

Mann hinter einem Rednerpult Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Jedes Kind in Hamburg soll mindestens einmal in der Elbphilharmonie gewesen sein», sagt Bürgermeister Olaf Scholz. Keystone

Die Elbphilharmonie in drei Stichworten:

Beeindruckende Architektur, demokratisches Gebäude, perfekter Klang.

Wie kann die Elbphilharmonie zum «Haus für alle» werden?

Ich habe entschieden, dass jedes Kind, das in Hamburg zur Schule geht, mindestens einmal in der Elbphilharmonie gewesen sein soll. Das Ganze macht nur Sinn, wenn die Elbphilharmonie zu einem Ort wird, wo nicht nur Leute sind, die sich für klassische Musik interessieren.

Es soll ein Ort sein, wo alle anderen auch hingehen und die Konzerte anhören. Bis jetzt haben über 500'000 Menschen die Elbphilharmonie besucht. Ich glaube, das «Haus für alle» gelingt.

Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen Hamburgs und der Hochkultur. Wie wird sich die Elbphilharmonie auf die restliche Kulturlandschaft der Stadt auswirken, wird da ein Austausch stattfinden?

Wegen der Elbphilharmonie werden bei anderen Kultur-Institutionen keine Kürzungen vorgenommen, auch nicht bei der Subkultur. Ich glaube das hilft, dass sich alle gut verstanden fühlen. Wir haben sogar die Förderung in einigen Bereichen ein wenig ausgeweitet.

Schorsch Kamerun, Regisseur, Musiker und Autor

Mann in Bluse und mit Lippenstift vor einem Plakat von Angela Merkel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Das Ding ist jetzt gebaut und ich sage, rein da und was daraus machen», fordert Schorsch Kamerun. Schorsch Kamerun

Die Elbphilharmonie in drei Stichworten:

Masslos, widersprüchlich, grossartig.

Wie kann die Elbphilharmonie zum «Haus für alle» werden?

«Haus für alle», dieser Begriff ist mir zu sehr benutzt. Ich halte das für ein Greenwashing. Es ist ja sowieso klar, dass da alle reindürfen. Denn das Gebäude gehört Bürgermeister Scholz nicht mehr als mir oder allen anderen.

Ich finde es ein bisschen eine Anbiederung, dieser Slogan «Haus für alle». Man wird sehen, ob es tatsächlich so kommt. Sicher wäre es klug, Dinge zu veranstalten, die nicht elitär sind, und die sich in erschwinglichen Preiskategorien abspielen.

Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen Hamburgs und der Hochkultur. Wie wird sich die Elbphilharmonie auf die restliche Kulturlandschaft der Stadt auswirken, wird da ein Austausch stattfinden?

Das Ding ist jetzt gebaut, und ich sage: rein da und was daraus machen. Jetzt, wo alles endlich fertig gebaut ist, findet natürlich diese Euphorie statt. Aber nicht alle teilen dieses Gefühl und es soll nicht vergessen werden, wie dieses Gebäude zu Stande gekommen ist.

Dann sprechen die Verantwortlichen viel von «Austausch». Wenn das ernst gemeint ist, finde ich das schon gut. Wenn «Austausch» mehr als Entschuldigung gemeint ist, finde ich das irgendwie öde. Es gibt solche Projekte an anderen Orten schon lange. Erstmal kann man das nur begrüssen.

Knarf Rellöm / Musiker und DJ

Mann auf der Strasse – im Hintergrund eine Häuserzeile. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Ich glaube nicht an dieses ‹Haus für alle›», sagt Knarf Rellöm. Knarf Rellöm/Theater Bonn

Die Elbphilharmonie in drei Stichworten:

Statussymbol, Millionengrab, elitäre Veranstaltung.

Wie kann die Elbphilharmonie zum «Haus für alle» werden?

Ich glaube nicht an dieses «Haus für alle». Das müsste man mit allen zusammen und viel offener planen. Man müsste fragen, was die Leute und der Stadtteil wirklich brauchen. Die Elbphilharmonie ist für mich ein Plan der oberen Weiss-ich-wieviel-tausend, sich da einen schönen Konzertsaal hinzubauen.

Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen Hamburgs und der Hochkultur. Wie wird sich die Elbphilharmonie auf die restliche Kulturlandschaft der Stadt auswirken, wird da ein Austausch stattfinden?

Es hat viel damit zu tun, wie man Kultur denkt und was Kultur sein soll für eine Stadt. Dieser Austausch zwischen Hoch- und Subkultur halte ich für eine ganz schlechte Idee. Ein Beispiel: Es gibt Rockbands, die sich ihren Sound mit einem Orchester aufmotzen lassen. Das wird in 99.9 Prozent der Fälle ganz schrecklich. Bei diesem Austausch gibt es viele Fettnäpfchen.

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 11.1.2017, 22:25 Uhr.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 11.01.2017 22:25

    Kulturplatz
    «Kulturplatz extra» aus der Elbphilharmonie in Hamburg

    11.01.2017 22:25

    Der Bau der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron dauerte sechs Jahre länger als geplant und kostete mit 866 Millionen Euro das Zehnfache. Nun ist die Elbphilharmonie endlich fertig und wird im Volksmund bereits liebevoll «Elphi» genannt. Zeit für Eva Wannenmacher, nach Hamburg zu fahren.