Befreit uns die Wissenschaft aus den Fesseln von Facebook und Co?

Unsere digitalen Daten liegen bei Social-Media-Plattformen, Firmen und Behörden sind zunehmend abhängig von wenigen Software-Riesen. Dem will die Universität Bern mit der Forschungsstelle für «digitale Nachhaltigkeit» entgegenwirken. Wie genau das gehen kann, erklärt der Leiter Matthias Stürmer.

Ein Mann in schwarzer Hose und weissem Hemd liegt auf dem Boden, gefesselt von weissen und schwarzen Kabeln. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Als Userinnen und User sind wir zunehmend machtlos gegenüber IT-Riesen wie Microsoft, Apple und Facebook. Corbis

Herr Stürmer, beim Wort «Nachhaltigkeit» denken viele an Umweltschutz. Hat die «digitale Nachhaltigkeit» etwas mit Ökologie zu tun?

«Nachhaltigkeit» bedeutet primär, dass man sich so verhalten soll, dass spätere Generationen keine Nachteile haben. Das beschränkt sich nicht nur auf die Ressourcen der Natur. Auch heutige Entscheidungen im digitalen Bereich können zur Folge haben, dass künftige Generationen leiden.

Der Ruf nach Nachhaltigkeit ertönte bisher jeweils als Reaktion auf eine Krise. Befinden wir uns in einer digitalen Krise?

Wir haben heute eine Situation, die schnell bedrohlich werden kann. Viele unserer Daten liegen bei IT-Konzernen wie Google und Facebook. Das sind private Firmen, die mit diesen Daten weitgehend machen, was sie wollen. Unser digitales Wissen ist bei diesen Firmen also überhaupt nicht gesichert. Gleichzeitig sind wir in grossem Mass abhängig von den Programmen von Microsoft, Apple und anderen Firmen. Wenn wir uns als Gesellschaft diesen sicher nützlichen Produkten aussetzen, uns aber keine Gedanken zu einer Langfristigkeit und Gerechtigkeit machen, führt das in eine Sackgasse.

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Zur Person

Zur Person

Matthias Stürmer studierte Betriebswirtschaft und Informatik und promovierte zum Thema Open Source Software. Er gründete und leitet seit Januar 2014 die Forschungsstelle «Digitale Nachhaltigkeit» der Universität Bern. Stürmer ist zudem Stadtrat von Bern (EVP) und Geschäftsleiter der Parlamentarischen Gruppe «Digitale Nachhaltigkeit».

Wie versuchen Sie das zu verhindern?

Wir helfen, politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich die Öffentlichkeit nicht überrumpeln lässt. Und wir sensibilisieren Entscheidungsträger in Firmen und Behörden, damit sie gute Entscheidungen fällen.

Wie machen Sie das konkret?

Wir schauen uns zum Beispiel die Beschaffungen von Software im öffentlichen Bereich an. Bei den Vergaben ohne öffentliche Ausschreibung wird aufgrund der bestehenden Daten und Schnittstellen vielfach derselbe Anbieter gewählt. Bei grossen Herstellern wie Microsoft ist man nicht nur vom Produkt, sondern auch von der Firma dahinter abhängig. Für uns liegt hier ein Marktversagen vor. Das müssen wir aber erst beweisen. Dafür vergleichen wir die öffentlichen Vergaben verschiedener Branchen, beispielsweise die Baubranche und den Informatiksektor.

Was ist der Weg aus dieser Abhängigkeit?

Firmen und Ämter sollen frei sein in der Wahl der Anbieter. Das ist dann der Fall, wenn die Software-Produkte unter einer offenen Lizenz – Open Source – von allen genutzt und weiterentwickelt werden können. Und dass das Wissen über das digitale Gut möglichst breit verteilt ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die Entwicklung des Linux-Betriebssystems Da gibt es Tausende von Software-Entwicklern weltweit, die an diesem Produkt weiterentwickeln.

Das global formulierte Ziel einer nachhaltigen Entwicklung erweist sich als nahezu unlösbare Aufgabe. Ist es im digitalen Bereich ähnlich schwierig?

Definitiv. Die heutige Informationsflut lässt sich nicht aufhalten, da entstehen automatisch Abhängigkeiten. Die Frage ist, ob wir diese Entwicklung einfach geschehen lassen. Oder ob wir bewusst dafür sorgen, dass Daten auch in Zukunft verfügbar bleiben.

Sie wollen ja, dass künftige Generationen zu möglichst viel digitalem Wissen Zugang haben. Ist nicht auch ein Problem, dass wir aufgrund der immer grösseren Datenmengen nichts Sinnvolles mehr damit anfangen können?

Das stimmt. Deswegen ist es wichtig, in den riesigen Datenbergen die relevanten Informationen zu finden. An der Uni Bern geben wir unseren Studierenden Programmierkurse, damit sie mit eigenen Anwendungen Daten analysieren und verstehen können. Wichtig ist auch, dass sie in offenen Formaten gespeichert sind. So haben nicht nur bestimmte IT-Konzerne Zugang. Öffentliche Daten sollen auch öffentlich zugänglich sein.

Aber wollen Sie denn alle Daten konservieren? Wäre es nicht sinnvoller, nützliche von unnützen Daten zu trennen?

Das ist eine gute Frage. Wenn wir nur schon all die doppelt, dreifach und vierfach gespeicherten Daten aussortieren, könnten wir viel sparen. Welche weiteren gelöscht werden müssten, ist schwierig zu sagen. Aktuelle Wetterdaten beispielsweise sind zwar nur heute relevant. Aber vielleicht werden sie in 10 Jahren wieder interessant, wenn man untersuchen möchte, wie sich das Klima verändert hat. Ich warne davor, bewusst gewisse Daten zu löschen, die eine öffentliche Relevanz haben.

Denken sie, dass sich diese Entwicklung wirklich aufhalten lässt? Kann Ihr kleines Institut Technologie-Riesen wie Google und Facebook etwas entgegen halten?

Die Entwicklung aufzuhalten wäre das falsche Ziel. Es geht uns nicht darum, diesen Markt zu unterbinden. Aber das sind Milliardenkonzerne, die ein fast schon unendliches Budget haben für Marketing und Lobbying. Da braucht es Gegensteuer. Wir helfen der Schweiz, Grundlagen für eine sinnvolle Entwicklung zu schaffen.

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