Sofortige Parkplatzvermittlung, öffentliche Dienstleistungen auf Knopfdruck, Verkehrsoptimierung in Echtzeit: Schweizer Städte investieren in grossem Stil in digitale Technologien.
Diese Technologien basieren darauf, grosse Datenmengen zu erfassen und zu analysieren – darunter auch heikle, personenbezogene Daten, die oft auf intransparente Weise verwaltet werden. Viele dieser Systeme sind auf Lösungen privater Anbieter und Big-Tech-Firmen angewiesen, insbesondere im Bereich der Cloud-Infrastruktur.
Legende:
Sie werden mehr, und sie werden smarter: Installation in einem Schaufenster in Zürich.
Keystone / Alessandro Della Bella
«Die Abhängigkeit von grossen Tech-Firmen ist Realität», sagt David Weber, Leiter von Smart City Zürich. «Wir sind uns dessen bewusst und versuchen aktiv, diese Abhängigkeit zu verringern.»
KI wird immer mehr in öffentliche Dienstleistungen integriert – von der Polizeiarbeit über den Verkehr bis zur Sozialhilfe. «Die Frage ist nicht mehr nur, wer die Daten sammelt, sondern wer die Algorithmen kontrolliert, auf denen die KI basiert», sagt Jasmin Dall’Agnola, Dozentin an der Universität Zürich mit Schwerpunkt Smart Citys.
Smarte Schweiz
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Die Schweizer Wirtschaft wird zunehmend datengesteuert: Im Jahr 2024 waren mehr als 73 Millionen digitale Geräte im Umlauf, durchschnittlich 8.5 pro Person. Das ist einer der höchsten Werte weltweit. Dies erzeugt insbesondere in städtischen Gebieten riesige Informationsströme und treibt den Ausbau von Rechenzentren weiter voran.
Schweizer Städte beteiligen sich aktiv an diesem Wandel. 124 Städte haben laut der Swiss Smart City Survey von 2024 «smarte» Projekte umgesetzt, insbesondere in der ökologischen Nachhaltigkeit, der Mobilität und der digitalen Verwaltung. All diese Sektoren sind auf grosse Datenmengen angewiesen, darunter potenziell sensible Daten wie die GPS-basierte Fahrzeugortung.
So tragen Technologien wie Kameras und Strassensensoren zum Beispiel heute schon dazu bei, den Verkehrsfluss sowie die Sicherheit für Fussgänger und Radfahrerinnen zu verbessern. Sie können sich jedoch auch zu Systemen entwickeln, die in die Privatsphäre eingreifen.
«Es ist beunruhigend, dass dieselben Technologien, die eine Person orten und eine Ampel auf Grün schalten, für viele andere Zwecke genutzt werden können», sagt Fran Meissner, Forscherin an der Universität Twente in den Niederlanden. Mit den riesigen Datenmengen aus solchen Systemen könne man Menschen anhand ihrer täglichen Bewegungen ohne deren Wissen oder Zustimmung verfolgen und identifizieren.
Noch problematischer wäre es, wenn Bewegungsmuster von Behörden genutzt werden, um KI-basierte Risikoprofile zu erstellen – etwa, wenn KI mit Überwachungskameras kombiniert wird.
Beispiele aus Genf und Zürich
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Mehrere Schweizer Städte setzen bereits digitale Verkehrsmanagementsysteme ein, die von privaten Unternehmen entwickelt wurden. Genf zum Beispiel nutzt KI-Tools, die Fussgängerinnen, Fahrräder und Fahrzeuge an Kreuzungen per Kamera überwachen, um Staus zu reduzieren.
Zürich gilt weithin als Vorbild für städtische Innovation und als eine der fortschrittlichsten Smart Cities der Welt. Die Stadt entwickelt einen «digitalen Zwilling», also ein virtuelles Modell des städtischen Verkehrs. Mithilfe grosser Datensätze soll darin der Verkehr simuliert und optimiert werden. Laut dem Fachmagazin «Inside IT» könnte das System am Ende mit privaten Navigationsplattformen wie Google Maps, Waze oder TomTom verbunden und vielleicht private Mobilitätsdaten in die öffentliche Infrastruktur integriert werden.
«Smart-City-Technologien basieren per definitionem auf Überwachung», sagt Barbara Jenkins, Professorin für politische Ökonomie an der Wilfrid-Laurier-Universität in Kanada. «Und das sollte immer Anlass zur Sorge geben, wenn sie zum Einsatz kommen.»
Städte profitieren von der Automatisierung öffentlicher Dienstleistungen und vom Aufbau eines Hightech-Rufs, weil beides Investitionen anzieht. Unternehmen können Hard- und Software verkaufen – und wertvolle Daten sammeln.
«Am meisten profitieren KI-Unternehmen. Sie erhalten Zugang zu riesigen Mengen an städtischen Daten, mit denen sie ihre Algorithmen weiterentwickeln», sagt Jenkins.
Prominentes Beispiel: «Sidewalk Toronto»
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Mit «Sidewalk Toronto» wollte das Unternehmen Sidewalk Labs, ein Tochterunternehmen des Google-Konzerns Alphabet, im kanadischen Toronto ein hochgradig digitalisiertes Stadtviertel errichten, basierend auf gross angelegter Datenerhebung und -analyse.
Es wurde schliesslich 2020, nach heftiger Kritik aus der Zivilgesellschaft und von lokalen Behörden, aufgegeben. Dahinter standen Bedenken hinsichtlich der Datenverwaltung, des Datenschutzes und der dominanten Rolle von Alphabet.
In Toronto hatte Alphabet laut einem 1524 Seiten langen Plan versucht, nicht nur die technologische Entwicklung, sondern darüber hinaus auch die regulatorischen Rahmenbedingungen in Bereichen wie Verkehr, Wohnungswesen und Datenverwaltung zu beeinflussen.
Solche Projekte hätten das Potenzial, die Macht vom Staat auf private Unternehmen zu verlagern, so Jenkins. Ohne klare Regeln stellt sich die Frage, wem die Daten gehören, die im öffentlichen Raum gesammelt werden. Und: ob private Firmen daran Rechte geltend machen können.
KI erschwert Datenschutz
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Im Kanton Zürich müssen Behörden bei jedem digitalen Projekt die Datenschutzrisiken bewerten. Sind die Risiken hoch – beispielsweise beim Einsatz neuer Technologien oder Systeme, die viele Menschen betreffen –, ist eine vorherige Prüfung durch die Datenschutzbehörde zwingend.
Doch der zunehmende Einsatz von KI erschwert diese Bewertung, sagt die kantonale Datenschutzbeauftragte Dominika Blonski. «Es ist schwer nachzuvollziehen, wie KI-Systeme Daten verarbeiten und automatisierte Entscheidungen treffen», sagt Blonski.
Zudem bestehe das Risiko, dass externe Anbieter unbefugten Zugang zu den Daten erhielten.
Gleichzeitig sind die Behörden nicht verpflichtet, die Bürgerinnen über Smart-City-Projekte oder beteiligte private Partner zu informieren – selbst wenn dabei personenbezogene Daten verwendet werden, um Profile zu erstellen.
Auch kann die Datenschutzbehörde private Anbieterinnen nicht direkt sanktionieren. «Die öffentliche Stelle bleibt für die Datenverarbeitung verantwortlich, auch wenn Dritte beteiligt sind», so Blonski.
Die Schweiz ist für Tech-Unternehmen attraktiv, etwa für Google und Meta, die Standorte in Zürich haben. Ihre Rolle im städtischen Raum bleibe aber undurchsichtig, sagt der ETH-Professor Dirk Helbing. «Es ist unklar, welche Produkte und Dienstleistungen sie hier entwickeln oder welche Rolle sie bei den Digitalisierungsprojekten der Stadt spielen.»
Zürich bietet einige Transparenzinstrumente an. Es gibt jedoch keinen umfassenden, öffentlich zugänglichen Überblick über die Technologien und Partner, die an Smart-City-Projekten beteiligt sind.
Helbing ist der Meinung, dass die Bevölkerung besser darüber informiert werden sollte, wie öffentliche Gelder ausgegeben werden, wer davon profitiert und was Unternehmen mit den Daten tun, die auf ihren Servern landen. «Es braucht viel mehr Transparenz», sagt er.