Zypern-Gespräche in Genf Ankara zwischen Nüchternheit und Nationalismus

Eine Wiedervereinigung der Insel spart der Türkei Milliarden und verspricht Einfluss in der EU. Gelingt der Kompromiss?

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Wiedervereinigung Zypern: Jetzt oder nie

Wenn es um die Wiedervereinigung Zyperns geht, hört man aus Ankara zweierlei. Erstens: Wir sind dafür, dass der griechische und der türkische Teil nach jahrzehntelanger Teilung wieder zu einem Staat werden. An uns soll es nicht scheitern. Zweitens: Die mehr als 30‘000 türkischen Soldaten müssen zum Schutz der der Türkisch-Zyprer auf der Insel bleiben.

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Fredy Gsteiger

Portrait von Fredy Gsteiger

Der diplomatische Korrespondent ist stellvertretender Chefredaktor bei Radio SRF. Vor seiner Radiotätigkeit war er Auslandredaktor beim «St.Galler Tagblatt», Nahost-Redaktor und Paris-Korrespondent der «Zeit» und Chefredaktor der «Weltwoche».

Das Problem: Die beiden Aussagen sind nicht kompatibel. Es ist kaum vorstellbar, wenn in einem EU-Land – und ein solches wäre nach einer Einigung ganz Zypern – ein Drittstaat die Schutzmachtrolle spielte und ein umfangreiches Truppenkontingent auf EU-Boden stationiert hätte.

Image-Gewinn für Erdogan

Nüchtern betrachtet, spricht aus türkischer Sicht viel dafür, Hand zu einem Kompromiss zu bieten. Das Land hätte viel, womöglich gar am meisten von allen zu gewinnen: So könnte Präsident Erdogan endlich wieder einen aussenpolitischen Erfolg einheimsen, nachdem er sich in Syrien verrannt hat und vielerorts zwischen allen Fronten steht. Ihm winkt ein Image-Gewinn als Friedensstifter.

Grosser Spareffekt

Die Türkei könnte ausserdem Unsummen sparen. Das international isolierte Nordzypern hängt am Tropf Ankaras: Die enorme Truppenpräsenz und die Wirtschaftshilfe kosten Jahr für Jahr Milliarden. Geld das man sparen könnte. Das ist nicht unwichtig in einer Zeit, da die türkische Wirtschaft ins Stocken gerät.

Einfluss in Brüssel

Vor allem aber würde sich die Türkei im Fall einer Wiedervereinigung einen starken Hebel in der EU verschaffen. Ihr Einfluss auf den türkisch-zyprischen Bevölkerungsteil bliebe beträchtlich. Die gemeinsame Nationalität, Sprache und Religion würden dafür sorgen. Über den türkischen Teil in einem künftigen Bundesstaat Zypern könnte Ankara in Brüssel mitreden. Welche Blockademacht sich da ausüben lässt, bewies eben erst die belgische Provinz Wallonien beim Freihandelsabkommen EU-Kanada.

«  Das Türkei hätte viel, womöglich gar am meisten von allen zu gewinnen. »

Fredy Gsteiger

Zurzeit ist unklar, welche Sichtweise in der türkischen Führung obsiegt: Die nüchterne oder die nationalistische, der zufolge Nordzypern de facto eine türkische Provinz bleiben soll.

Die türkisch-griechische Trennlinie in der geteilten Hauptstadt Nikosia. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die türkisch-griechische Trennlinie in der geteilten Hauptstadt Nikosia. Keystone/Archiv

Die Türkei muss sich rasch entscheiden. Anders als bei manchen Konflikten, spielt hier die Zeit nicht zugunsten einer Lösung. Das Zeitfenster schliesst sich: Erstmals seit langem regieren im Norden und im Süden Präsidenten, die eine Wiedervereinigung wollen, die für sie kämpfen und die beide zu Kompromissen bereit sind. Das kann sich schon bei den nächsten Wahlen wieder ändern.

Dazu kommt, dass sich die jüngeren Generationen auf den Inselteilen entfremden. Die Vision einer gemeinsamen Zukunft in einer Wiedervereinigung ist bei ihnen kaum noch vorhanden. Sie haben sich mit der geteilten Insel und den UNO-Blauhelmtruppen als Puffer arrangiert. Kein Wunder, dass bei diesen Verhandlungen von allen Beteiligten zu hören ist: Jetzt oder nie.