«Die Vereinigung war eigentlich ein Beitritt»

Der «Aufbau Ost» sei gelungen, schreibt die deutsche Bundesregierung 25 Jahre nach der Wiedervereinigung auf ihrer Website. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Doch warum? Der Politologe Raj Kollmorgen forscht nach den Gründen.

Strasse mit Trabi und Schild: «Letzte Ausfahrt in der DDR» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fahrt in den Systemwechsel: Ein ostdeutscher «Trabi» am Vortag des Einigungsvertrags in der Nähe von Frankfurt/Oder. Keystone

Die Erwerbslosigkeit ist höher, die Durchschnittslöhne sind rund 20 Prozent tiefer: In fast allen Bereichen hinken die neuen Bundesländer – die ehemalige DDR – den westdeutschen hinterher. Es komme auf die Perspektive an, sagt Raj Kollmorgen. Er ist Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz und forscht zu «postsozialistischen Transformationen» – also auch zu den Themen Ostdeutschland und Wiedervereinigung.

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Prof. Dr. Raj Kollmorgen

Prof. Dr. Raj Kollmorgen hat eine Professur in «Management sozialen Wandels» an der Hochschule Zittau/Görlitz inne. Sein Spezialgebiete sind Transformationsprozesse, die deutsche Vereinigung, politische Soziologie und Europäisierungsprozesse.

Im Vergleich zur Situation von 1989 habe sich in den neuen Bundesländern viel getan: «In den meisten Bereichen gibt es deutliche Verbesserungen, die materielle Lebensqualität hat sich gesteigert, der Umweltschutz wird mehr berücksichtigt. Ganz zu schweigen von den politischen Freiheitsrechten.» Auch im Vergleich mit den anderen ehemals sozialistischen Regionen in Ost- und Mitteleuropa habe Ostdeutschland die Nase vorn.

Systemwechsel zerschlug viel Industrie

«Anders sieht es jedoch aus, wenn man heute den Osten Deutschlands mit dem Westen des Landes vergleicht», so Kollmorgen. Hier falle das Urteil ambivalent aus: Einerseits habe der Osten bei den harten Indikatoren wie dem Bruttoinlandsprodukt stark aufgeholt. Andererseits hinkt er in den Bereichen wie der Arbeitsproduktivität, der Innovation, dem materiellen Reichtum und dem Einkommen nach wie vor dem Westen der Bundesrepublik hinterher.

Der Experte verortet hier verfestigte soziale Ungleichheiten. Ein Blick in die Geschichte der vergangenen Jahre zeigt, wie es dazu gekommen ist, dass Ostdeutschland im Hintertreffen liegt. «Von 1990 bis 1993 gab es im Osten eine Deindustrialisierung», erklärt Kollmorgen. Viel Industrie wurde durch den radikalen, schockartigen Systemwechsel zerschlagen. «Man kann schnell abbauen – aber nur langsam wieder aufbauen», so Kollmorgen.

«  Die ostdeutschen Länder wurden zur verlängerten Werkbank des Westens »

Raj Kollmorgen
Wiedervereinigungs-Experte

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Was sind «neue Bundesländer»?

Der Einigungsvertrag vom 3. Oktober 1990 beschloss die Auflösung der DDR, ihren Beitritt zur BRD Deutschland sowie die «deutsche Einheit». Dabei wurden 14 DDR-Bezirke – ohne Ost-Berlin – zu fünf neuen Bundesländern umgebildet. Dies sind: Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Ost-Berlin trat West-Berlin bei.

Problematisch sei gewesen, dass die westlichen Bundesländer in dieser Phase wirtschaftlich sehr stark waren: «Sie konnten den Osten mitversorgen.» Das heisst: «Man musste gar nicht grossartig investieren.» Die Vereinigungskonjunktur habe dazu geführt, dass der Osten wirtschaftlich gar nicht aufgebaut wurde.
Die darauffolgende Privatisierung der bestehenden DDR-Betriebe sei auch nur «mässig erfolgreich» gewesen. Nur ein Drittel der Betriebe aus der Zeit vor der Vereinigung überlebten. Die erfolgreichen Fälle seien oft nur Zweigniederlassungen westdeutscher Grossbetriebe gewesen. «Die ostdeutschen Länder wurden zur verlängerten Werkbank des Westens, aufgrund ihrer niedrigeren Lohnkosten.»

«Dynamisierung findet nicht im Osten statt»

Die hochproduktiven Bereiche – also Forschung und Entwicklung – bleiben auch heute im Westen. «Das ist gravierend. Die Dynamisierung findet nicht im Osten statt», erklärt Kollmorgen. Zudem ist die Industrie im Osten von kleineren und mittleren Unternehmen geprägt: Diese haben eine geringe Exportquote, können also auch nicht eine besonders hohe Wertschöpfung erzielen.

Es sei ein Teufelskreis, meint der Politikwissenschaftler: «Die Katze beisst sich in den Schwanz.» So auch bei den niedrigen Lohnkosten: Teilweise seien diese gewollt, argumentiert Kollmorgen. «Die Länder versuchen mit tiefen Gehältern, Unternehmen anzusiedeln. Diese wiederum wollen die dort erzielten Gewinne nicht weiterreichen.» Die Firmen argumentierten mit den tiefen Lebenskosten. Doch die Argumentation gehe nicht ganz auf, so Kollmorgen: «Das stimmt zwar für viele Gebiete in Ostdeutschland. In den Zentren und den zentrumsnahen Gebieten gilt das jedoch nicht mehr systematisch.»

Menschenmassen am Brandenburger Tor und Feuerwerk Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Euphorie: Zehntausende feiern in Berlin den «Einigungsvertrag» zwischen der BRD und der DDR am 3. Oktober 1990. Reuters

Abwanderung wegen tiefen Löhnen und fehlenden Jobs

Durch die tiefen Lohnkosten und die fehlenden Jobs für höher qualifizierte Menschen wandern jährlich immer noch 10‘000 bis 15‘000 Ostdeutsche in den Westen ab.

Das hat laut Kollmorgen vermutlich auch Auswirkungen auf die Schulabbrecher-Quote: «Der Osten ist ländlicher geprägt. Normalerweise gibt es auf dem Land sowieso mehr Schulabbrecher.» Andererseits zögen die Familien, in denen Bildung gross geschrieben werde, öfters weg: «Das senkt das Niveau in den Klassen.»

«  Der beschworene Mentalitätsunterschied ist Unsinn »

Raj Kollmorgen
Politologe

Auf Mentalitätsunterschiede könne man dies also nicht zurückführen, so der Politikwissenschaftler. Im Bereich der Modernisierung des Schulsystems hätten gerade Bundesländer wie Sachsen oder Thüringen die Nase vorn. «Der beschworene Mentalitätsunterschied ist Unsinn», hält Kollmorgen fest.

«Solidarpakt II» läuft 2019 aus

2019 läuft der «Solidarpakt II», ein jährlicher finanzieller Zuschuss zur Förderung der neuen Bundesländer, aus. Danach ist Schluss mit speziellen Geldflüssen an die ehemaligen DDR-Gebiete. Kollmorgen geht jedoch nicht davon aus, dass der Osten dann finanziell alleine gelassen wird. Es werde eine Neuregelung des Finanzausgleichs zwischen den Ländern geben.

«Meine These ist, dass es durchaus eine Lösung geben wird, welche die strukturschwachen Gebiete in Deutschland stärkt – und nicht explizit nur die neuen Bundesländer. Das wird auch schwachen westdeutschen Gegenden zugutekommen», glaubt der Politologe. Er kann sich auch vorstellen, dass es Sonderförderungen zur wirtschaftlichen Entwicklung geben wird.

«Gläserne Decke» für Ostdeutsche

Nebst den wirtschaftlich-strukturellen Gründen für das Hinterherhinken der ehemaligen DDR gäbe es ein weiteres Problem, so Kollmorgen. Mit dem Umbruch durch die Wiedervereinigung sei auch «kulturelles und bildungsbezogenes Kapital zerschlagen» worden – sprich: Die deutschen Eliten in Wirtschaft, Militär und Politik bestehen zum grössten Teil aus westdeutschen Personen. Und: «Eliten rekrutieren sich aus sich selbst.» Deswegen hätten es Ostdeutsche selbst in den neuen Bundesländern schwer, sich in Entscheidungsträger-Positionen bringen.

Die Ostdeutschen müssten sich erst wieder in diese «Netzwerke der Macht» hineinarbeiten – «es gibt wie bei den Frauen auch eine gläserne Decke für Ostdeutsche», fasst er zusammen. Quoten hätten immer einen fahlen Nebengeschmack, meint Kollmorgen. «Es braucht ein Problembewusstsein. Das fängt bei den Personalverantwortlichen an.» Die könnten bei gleicher Qualifikation den ostdeutschen Bewerber wählen, plädiert er.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

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    Aus 10vor10 vom 2.10.2015

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