Journalist vor Ort: «Es ist völlig offen, wer die Blackbox hat»

Der österreichische ORF-Journalist und Osteuropa-Experte Christian Wehrschütz ist an der Absturzstelle des Fluges MH17 in der Ostukraine vor Ort. «Echo der Zeit» hat mit ihm gesprochen.

Ein OSZE-Beobachter im Dialog mit einem Kämpfer Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: OSZE-Beobachter stehen unter ständiger Bewachung von Separatisten und können sich nicht frei an der Unfallstelle bewe... Reuters

SRF: Herr Wehrschütz, Sie konnten die Absturzstelle besichtigen. Was war das für ein Anblick?

Christian Wehrschütz: Der erste Anblick ist ein Feld und man sieht zwei Trümmer. Man sieht Rettungskräfte und Sicherheitskräfte, die dort im Feld herumsuchen und mit Tragbahren spazieren gehen. Kommt man dann näher, sieht man am Wegesrand die Leichen, teilweise verhüllt in Leichensäcke, teilweise aber noch völlig frei liegend. Wirklich eben deformiert durch den Absturz, aber auch durch die Eiseskälte in der Höhe – es ist ein schrecklicher Anblick, weil viele Personen bis zur völligen Unkenntlichkeit nur mehr Fleischklumpen sind.

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Christian Wehrschütz

Der österreichische Journalist arbeitet für den ORF. Sein Spezialgebiet umfasst vor allem die Entwicklungen in Osteuropa und dem Balkan. Der preisgekrönte Journalist spricht unter anderem Russisch, Ukrainisch und Serbisch. Derzeit befindet er sich an der Absturzstelle des Fluges MH17 in der Ostukraine vor Ort.

Sie sprechen von Rettungskräften und Sicherheitskräften: Was sind denn das für Leute?

Die Rettungskräfte, die dort arbeiten und die Leichen bergen, sind offensichtlich lokale Mitarbeiter des ukrainischen Ministeriums für Katastrophenschutz, die aber im Auftrag der Rebellen arbeiten. Und die sogenannten Sicherheitskräfte, die das Terrain kontrollieren, sind die Rebellen.

Zentral wäre es, dass die Experten ihre Untersuchungen beginnen können. Werden sie immer noch daran gehindert?

Die Experten sind gar nicht vor Ort. Vor Ort sind die Beobachter der OSZE, die praktisch die Gegebenheiten erkunden. Aber die OSZE ist auch nicht zuständig für die Entsendung der Experten, das muss dann offensichtlich bilateral geregelt werden. Aber der Bericht der OSZE, wie der Zugang zu der grossen Absturzstelle ist, wird offensichtlich entscheidend sein, ob und bis wann Experten hingeschickt werden können.

Ungesicherte Absturzstelle der MH17

4:54 min, aus Echo der Zeit vom 19.07.2014

Aber auch die Mitarbeiter der OSZE haben nicht so viel Zugang wie sie eigentlich möchten. Wie werden sie denn daran gehindert?

Gestern war es überhaupt nur kurz, da waren sie nur 75 Minuten dort, heute konnten sie länger dort bleiben. Der Anfang war etwas dramatisch und theatralisch, ein Rebell hat gesagt: «Aussteigen! Stopp! Parken!» Und die OSZE-Mitarbeiter dürfen also nicht direkt dort hinfahren, wo die Leichen schon geborgen und zusammengetragen werden, sondern mussten zu Fuss gehen. Und dann konnten sie heute eigentlich länger dieses Gebiet beobachten. Die Frage wird sein: Welchen Zugang haben sie zu anderen Teilen der Absturzstelle, denn da soll es morgen und übermorgen und in den nächsten Tagen weitergehen.

Ganz zentral ist es ja, Beweismaterial sicherzustellen und zwar möglichst rasch. Wissen Sie denn etwas vom Verbleiben des Flugschreibers, der Blackbox?

Da hat es ja grosse Verwirrung gegeben. Zunächst hiess es, die Rebellen wollen den Flugschreiber an Moskau übergeben, dann hat Moskau gesagt, sie wollen ihn nicht nehmen. Heute hat Alexander Borodai, der Führer der Rebellen, in Donetzk eine Pressekonferenz gegeben und gesagt, die Rebellen haben den Flugschreiber nicht. Es ist völlig offen, wer den hat. Aber da müsste auch die Fluglinie Auskunft geben, weil: Wer hat die Frequenz für diesen Flugschreiber, dass man ihn orten kann? Das kann ich von hier aus nicht beurteilen.

Es gibt Anschuldigungen, dass die Rebellen – die Separatisten – Trümmerteile wegbringen und so Beweismaterial vernichten. Haben Sie auch Hinweise darauf?

Darauf habe ich keine Hinweise. Das habe ich auch nicht beobachten können. Wir gehen dort zur Hauptabsturzstelle, dort sieht man zwei Trümmer. Dann sieht man dort, wo der Hauptteil des ausgebrannten Flugzeuges liegt – da sind nur mehr Reste erkennbar. Ob dort etwas weggebracht worden ist, das kann ich nicht beurteilen.

Konnten Sie auch mit Bewohnern in der Region sprechen? Was denken diese denn in den Verwirrungen gegenseitiger Anschuldigungen?

Wir haben dort mit einem Augenzeugen gesprochen, der hat aber nur gesagt, dass er enormes Glück hatte, weil das Hauptteil des Flugzeuges nur 50 Meter von seinem Haus niedergegangen ist. Der eine Rebell, der sich so martialisch gegeben hat, hat die USA, Europa und die Ukraine beschuldigt, für den Absturz verantwortlich zu sein. Warum, konnte er eigentlich nicht wirklich erklären. Aber es ist ein sehr starkes Gefühl hier, dass eigentlich die Ukraine hauptverantwortlich dafür ist. Das ist natürlich auch verständlich, weil diese Region von russischen Medien dominiert ist. So wie ukrainische Medien ganz klar sagen «Die Russen sind schuld», sagen hier die russischen Medien ganz klar «Die Ukraine ist schuld».

Jetzt hat man offenbar eine Sicherheitszone auf dem Absturzareal vereinbart. Wird die bereits umgesetzt?

Derzeit konnte man das noch nicht sehen, dass das umgesetzt wird. Das hiesse ja dann, dass weitläufig um das Areal nicht geschossen wird. Ob es dazu wirklich kommt, kann ich nicht sagen. Dort vor Ort konnte man nichts sehen. Ich glaube auch, die Rebellen haben selbst nicht die Kräfte, um hier wirklich allein das Areal zu schützen. Man sieht sehr viele Strassensperren auf dem Weg dorthin, aber das war es auch schon.