Aus der Nähe betrachtet Das «Chileli» von Wassen ist eine Kirche

Zug fährt an Kirche vorbei. Bild in Lightbox öffnen.

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Wer mit dem Zug über die Gotthard Bergstrecke fuhr, sah das Kirchlein von Wassen dreimal. Dank des Sketchs von Emil kannte jedes Kind das Phänomen der Kehrtunnel. Aus der Nähe betrachtet ist das «Chileli» allerdings eine ausgewachsene Kirche.

SRF-Autor Michael Zezzi verbrachte als Kind viel Zeit in der Kirche. Zweimal die Woche war Schulmesse. Als Ministrant räucherte er die Kirche mit Weihrauch ein. Zusammen mit den anderen Schulkindern sang er am Samstag Kirchenlieder auf der Empore.

Für die Musik sorgte Josef Christen. Der ehemalige Lehrer, Organist und Leiter des Kirchenchores kennt die Kirche von Wassen seit 50 Jahren. Er weiss auch von einem Geheimgang, der in der Sakristei beginnt. Selber hat er ihn allerdings noch nie erkundet.

In Wassen hält schon seit vielen Jahren kein Zug mehr. Seit der Gotthard Basistunnel eröffnet wurde, fahren die Züge nicht einmal mehr an Wassen vorbei. Sie rasen tief im Berg durch den 57 Kilometer langen Basistunnel. Die Kirche sieht nur noch, wer extra nach Wassen kommt. So wie die beiden Bernerinnen Inge Blatter (r) und Susanne Grossniklaus.

Der Dorfwirt Daniel Lampart hat trotz Basistunnel keine Angst davor, dass Wassen und das Urner Oberland in Vergessenheit geraten. Im Gegenteil. «Wer jetzt nach Wassen kommt, macht das bewusst und mit Absicht.» Die Zukunft von Wassen sei nicht düster.

Monika Stadler ist in Wassen aufgewachsen, vor ein paar Jahren zügelte sie nach Schattdorf im Urner Talboden. Die Kehrtunnels der Bahnstrecke, die Kirche, die immer wieder auftaucht, einmal links, einmal rechts: das alles sagt ihren Kindern nichts mehr. Der Bahnhof in Wassen ging 2001 zu, das Dorf ist mit Bus erschlossen.

Wiedersehen nach 27 Jahren. Michael Zezzi (r.) kehrte nach Wassen zurück und trifft in der Kirche seinen ehemaligen Lehrer Josef Christen. Zezzi lebte als Kind von 1980 bis 1990 zehn Jahre lang in Wassen. Dann wechselte sein Vater die Stelle, die Familie zog nach Altdorf.

(SRF1, Regionaljournal 6.32/17.30 Uhr)