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Aggressiver Linksextremismus «Schäm dich»: Protestierende bedrängen Café-Besitzer in Basel

Ein Video zeigt massive Drohungen und Beleidigungen gegen einen Wirt, der dabei auch als «Zionist» bezeichnet wurde.

Kaffee und Kuchen sind serviert, der Wirt des Café Flore in Kleinbasel feiert Geburtstag. Da zieht Ende Juli eine unbewilligte Pro-Palästina-Demonstration vorbei. Ein Video, das SRF Investigativ vorliegt, zeigt, wie mehrmals die Worte eines Demonstrierenden fallen: «I fucking kill you». Ein anderer Demonstrant sagt: «Wir brauchen keine Zionisten in Basel. Fick dich!». Die Masse skandiert: «Shame on you!» [Schäm dich]. Gemeint ist offensichtlich Miron Landreau, Besitzer des Cafés.

Nicht jüdisch, aber mit jüdischer Kultur aufgewachsen

Bereits früher entlud sich Unmut gegen das Café. An der Eingangstüre hängt ein Plakat zur Erinnerung an den Holocaust, mit einem Davidstern. Die Türe sei mehrmals bespuckt worden, so Landreau. Und er hat Fotos gemacht: der Davidstern, überklebt mit dem Logo einer Basler Pro-Palästina-Gruppe.

Blick durch das Fenster des Cafés mit dem Aufkleber, der zum Boykott aufruft.
Legende: Dieser Aufkleber ging Miron Landreau zu weit: Am Fenster seines Cafés klebt ein Sticker mit der Aufschrift: «Dieses Produkt kaufen unterstützt Genozid» SRF

Zudem klebte am Fenster ein Sticker: «Buying this product supports Genocide», übersetzt «Dieses Produkt kaufen unterstützt Genozid». Das sei ihm zu weit gegangen, sagt Landreau. Er habe ein Foto auf Facebook gepostet, was einiges an Aufregung verursacht habe.

Café-Besitzer Miron Landreau ist nicht jüdisch. Ist aber mit jüdischer Kultur aufgewachsen. Er hat Sympathien für Israel, wie er sagt. Zum Nahost-Konflikt möchte er sich nicht äussern, betont aber: Er vermisse in der Debatte die Empathie für die Opfer, auf allen Seiten.

Mann sitzt an Holztisch in Wohnzimmer, mit Fenster im Hintergrund.
Legende: Café-Besitzer Miron Landreau ist nicht jüdisch, hat aber Sympathien für Israel, wie er sagt. SRF

In seinem Café steht eine Menora, ein siebenarmiger Kerzenständer. Manchmal läuft israelische Pop-Musik. An der Wand hängt ein Bild von Theodor Herzl, dem Vordenker der zionistischen Bewegung. Das Foto sei einmal verschwunden – er habe es ersetzt, erzählt Landreau.

Landreau räumt ein: Als früher einmal eine Pro-Palästina-Demonstration am Café vorbeizog, habe er ihnen einmal den Mittelfinger gezeigt, weil antisemitische Sprüche gefallen seien. «Zugegeben infantil», sagt er heute dazu.

Wahrscheinlicher Urheber der Drohung war Redner an Demos

SRF hat die zwei Demonstrierenden identifiziert und für Interviews angefragt. Der Mann, der Landreau als «Zionist» bezeichnet hat, schrieb in einem E-Mail zunächst, es sei nicht sicher, ob das Video ihn zeige. Dann führte er aus, was er unter Zionisten verstehe: jemanden, der Apartheid, Vertreibung und Ausrottung unterstütze. Weiter schreibt er, der Wirt habe einen Mann in der Demo angegriffen. Darauf habe er dem Wirt seine Meinung gesagt.

Wie Landreau sagt, habe er einen Demonstrierenden angesprochen, weil er fotografiert worden sei. Als ihm einer der Umstehenden zu nah gekommen sei, habe er diesen mit dem Arm zurückgestossen. Anschliessend wird Landreau geschubst. Dieser Hergang ist auch auf dem Video zu sehen.

Historiker: «Der Begriff wird überladen und falsch gesehen»

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Dass der Begriff «Zionist» als Beleidigung verwendet werde, das habe in den letzten zwei Jahren zugenommen, sagt Erik Petry, Historiker am Zentrum für Jüdische Studien der Universität Basel.

«Zionist» werde oft umgedeutet, negativ aufgeladen mit einer Reihe von Vorwürfen: Imperiales und koloniales Denken, gegen die Menschenrechte, gegen Palästinenser und Palästinenserinnen, gegen einen Staat Palästina, für ethnische Säuberungen, angeblich für Mord – all das werde teils in diesen Begriff gepackt, so Petry. «Und damit wird der Begriff ‹Zionist› nicht nur vollkommen überladen, sondern völlig falsch gesehen.»

Historisch stehe der Begriff «Zionismus» für die politische jüdische Nationalbewegung, in der man sich selbst so bezeichnet habe, nach einem der Hügel, auf denen Jerusalem gebaut wurde. Letztlich stehe «Zionist» also für Unterstützer eines israelischen Staates. Wobei nicht zwingend eine bestimmte Regierung gemeint sei, so Petry. Sondern grundsätzlich für die Idee eines Landes Israels.

Wichtig zu betonen sei auch, dass nicht jede Kritik an Israel sogleich antizionistisch oder antisemitisch sei, so Petry.

Der zweite Mann, jener, der wahrscheinlich «I fucking kill you» sagte, hat auf Anfragen nicht reagiert. Er war gemäss Recherchen von SRF mehrmals an Pro-Palästina-Demonstrationen als Redner aufgetreten.

Basler Pro-Palästina-Gruppen, die anonym zur unbewilligten Demonstration im Juli aufgerufen hatten, liessen alle Anfragen von SRF unbeantwortet.

10 vor 10, 27.11.2025, 21:50 Uhr

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