Barrierefreies Reisen Klagen gegen Bahnhofsschliessungen

Die Geschichte des Bahnhofs Ferenbalm (BE) ging bis nach Hollywood. Jetzt will ihn die BLS schliessen. Recherchen der «Rundschau» zeigen: Insgesamt sollen 40 Bahnhöfe geschlossen statt behindertengerecht umgebaut werden. Dagegen regt sich Widerstand.

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Bahnhof geschlossen

9:59 min, aus Rundschau vom 29.3.2017

Hollywood machte den Bahnhof Ferenbalm im Kanton Bern berühmt: Die Geschichte einer Frau, die jahrelang den TGV-Lokführern zugewinkt hatte, wurde für einen Oscar nominiert.

Jetzt ist Schluss mit Romantik: 2018 geht der Bahnhof Ferenbalm zu, wie die Privatbahn BLS und der Kanton Bern letzte Woche beschlossen haben. Der Bahnhof entspricht dem Behindertengleichstellungsgesetz nicht: Eine Million Franken hätte die Erhöhung des Perrons gekostet.

BLS: Eine Minute Zeitgewinn anstatt behindertengerechter Bahnhof

Die BLS bestätigt, vier ihrer total 119 Bahnhöfe zu schliessen. Alles Bahnhöfe im Kanton Bern, die nicht behindertengerecht sind: Grubenwald, Weissenbach, Faulensee und Ferenbalm. BLS-Infrastrukturchef Daniel Wyder rückt aber einen anderen Grund für die Schliessung in der Vordergrund: «Entscheidend für die Schliessung von Ferenbalm ist der Gewinn einer Minute Fahrzeit. Das führt zum Halbstundentakt auf der Linie Neuenburg-Bern.» Behindertengerechte Bahnhöfe seien der BLS wichtig; man baue 109 Bahnhöfe um (Übersicht aller Bahnhöfe der Schweiz in Tabellenform)

Alle Bahnhöfe der Schweiz in der Übersicht

Der Behinderten-Dachverband Inclusion Handicap kündigt in der «Rundschau» rechtliche Schritte gegen Bahnhofsschliessungen in der ganzen Schweiz an. Juristin Caroline Hess-Klein: «Die Bahnen haben den Auftrag, Bahnhöfe umzubauen und nicht, einfach zu schliessen. Wir werden bei den Klagen zu Ferenbalm und Reutlingen Privatpersonen juristisch unterstützen.»

Anwohner: «Wir gehen bis vor Bundesgericht»

Drei Millionen Franken für höhere Perrons sind selbst für Winterthur, einer Stadt mit über 100‘000 Einwohnern, zu viel. Sie plant seit 2015 die Schliessung des Bahnhofs Winterthur-Reutlingen, rechnete aber nicht mit dem Widerstand der Anwohner. Markus Läderach, Präsident IG Reutlingen: «Wir kämpfen bis vor Bundesgericht. Es kann nicht sein, dass die fehlende Behindertentauglichkeit zur Schliessung unseres Bahnhofs führt.»

Der Volksprotest zeigt Wirkung: Aktuell verhandelt die Stadt Winterthur mit dem Bundesamt für Verkehr (BAV) für Gelder aus dem Bahninfrastruktur-Fonds. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen.

Nationalrat Lohr: «Ein unwürdiges Spiel»

Insgesamt stehen schweizweit rund 40 Bahnhöfe, die nicht hindernisfrei sind, vor dem Aus. Der Bund listet 30 Stationen von Privatbahnen auf und die SBB rechnet gegenüber der «Rundschau» mit der Schliessung von 10 bis 15 Haltestellen in ihrem Netz. Heute schiebt die SBB-Pressestelle nach: Schliessungen hätten mit geringen Passagierzahlen zu tun und nicht mit teuren Behinderten-Umbauten.

Für CVP-Nationalrat Christian Lohr, selbst im Rollstuhl, geht diese Rechnung nicht auf: «Die Bahnen haben es jahrelang verpasst, ihre Umbauten zu planen. Bahnhofsschliessungen nun auf das Behindertengleichstellungs-Gesetz abzuschieben, ist ein unwürdiges Spiel. Das akzeptiere ich so nicht.»

Das Bundesamt für Verkehr will mit zusätzlichen zwei Milliarden Franken die SBB und Privatbahnen dazu bringen, auch kleinere Bahnhöfe hindernisfrei umzubauen statt ganz zu schliessen.