Quälerei für Viehschau Noch immer werden Kuhzitzen mit Sekundenleim verklebt

Das Wichtigste in Kürze:

  • Pralle Euter sollen die Jury an Milchviehschauen beeindrucken. Noch immer greifen Züchter zu Methoden, welche Kühe leiden lassen.
  • Trotz verschärftem Ausstellungsreglement halten sich nicht alle an die Regeln. Der Schweizer Tierschutz war an der Swiss Expo in Lausanne und erhebt nun schwere Vorwürfe.
  • Der Verantwortliche der Swiss Expo reagiert gelassen: Man habe keine Beweise und er sei nicht verpflichtet, auf solche Meldungen einzugehen.

Das Entsetzen in der Öffentlichkeit war gross als letztes Jahr bekannt wurde, dass an Viehschauen den Kühen teilweise die Zitzen mit Sekundenleim verklebt werden, damit die Milch nicht herausfliessen kann. Der «Kassensturz» und der Schweizer Tierschutz belegten diese Praxis mit Aufnahmen von Viehschauen in der Schweiz. Kurz darauf verschärfte die Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter ASR das Ausstellungsreglement und erklärte es für verbindlich, gültig ab Januar 2017.

Verstösse an der Swiss Expo

Die Swiss Expo ist eine der grössten Rinderschauen Europas. Rund 1000 Milchkühe treten zum Wettbewerb an. Die viertägige Viehschau in Lausanne fand im Januar statt. Gelegenheit für den Schweizer Tierschutz, die Situation an der Ausstellung zu überprüfen.

Tierärztin Julika Fitzi vom Schweizer Tierschutz sagt im Konsumentenmagazin «Espresso»: Sie und ihre Kollegen hätten auch an dieser Viehschau wieder Kühe beobachtet, die kaum gehen konnten, weil ihre Euter derart prall waren. Fitzi: «Bei einem italienischen Team haben wir gesehen, wie mittels Kanülen immer wieder Milch abgelassen wurde. Das ist laut Reglement nur im Beisein eines Tierarztes erlaubt. Beim gleichen Team haben wir Sekundenkleber entdeckt, um die Zitzen zu verschliessen.»

Im Übrigen seien die Euter der Tiere minutenlang mit kaltem Wasser abgespritzt worden. Auch dies ist laut Reglement nicht erlaubt. Solche Verstösse haben laut Sanktionskatalog den Ausschluss eines Tiers vom Wettbewerb zur Folge.

Nahaufnahme von zugeklebten Kuhzitzen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immer wieder entdeckt der Tierschutz an Ausstellungen verklebte Zitzen. Für die Tiere äusserst schmerzhaft. STS

Meldung gemacht, passiert ist nichts

Julika Fitzi hat daraufhin die Ausstellungsleitung und die Kontrollkommission der Swiss Expo über die Beobachtungen informiert.

Laut Ausstellungsreglement muss auf jeder Viehschau eine Kontrollkommission auf dem Platz sein, welche die Tiere in den Ställen kontrolliert. Zudem muss eine Kontrollpersonen vor dem Ring postiert sein, die jedes Tier vor der Präsentation genau anschaut.

Präsident der Swiss Expo ist Jacques Rey. Die Tierschützerin hat ihm ihre Beobachtungen mitgeteilt. «Passiert ist nichts», sagt sie.

Organisator: «Keine Beweise»

Jacques Rey erklärte in «Espresso», Frau Fitzi habe Dinge beobachtet, die er und die Kontrollkommission so nicht gesehen hätten. Zudem habe sie keine Beweise geliefert. Im Übrigen verlasse er sich auf die Angaben seiner Kontrolleure, welche ja selber unter der Kontrolle des kantonalen Veterinäramtes stünden. Rey fügte an, er sei nicht verpflichtet, auf solche Meldungen näher einzugehen.

Falsch! Laut Ausstellungsreglement ist völlig klar, dass solchen Beobachtungen, von wem auch immer sie gemacht werden, nachgegangen werden muss.

Wann ist ein Euter überfüllt?

An der Swiss Expo in Lausanne ebenfalls dabei waren Adrian Steiner und sein Team. Der Leiter der Nutztierklinik im Berner Tierspital sammelt Daten für eine Studie im Auftrag der Rinderzüchter und des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen.

Steiner: «Wir untersuchen einerseits das Blut der Kühe auf Medikamente. Andererseits machen wir Ultraschalluntersuchungen am Euter, um Manipulationen festzustellen und zu sehen, ob die Euter überfüllt sind.» Bei einer deutlichen Euterüberfüllung würde sich ein Ödem entwickeln. Dieses könne man mittels Ultraschall feststellen: «Stellt man das fest, gibt es nichts mehr zu diskutieren, dann ist es so.» Bei allen grösseren Milchviehschauen in der Schweiz sollen jeweils die vier bestplatzierten Tiere untersucht werden. Die Resultate dieser Studie sollen im Herbst öffentlich werden.

Zuger Viehschau «Bruna» gibt sich noch strengere Regeln

Zum Wohl der Kühe hat die «Bruna» – quasi die Olympiade der Braunviehzüchter – kommende Woche in Zug ihre Regeln weiter verschärft. So sollen etwa für alle Züchter und Besitzer einheitliche Melkzeiten gelten. Das soll verhindern, dass die Euter der Kühe zu prall gefüllt sind, wenn sie der Jury vorgeführt werden.

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