Rätoromanisch: Altlast oder förderungswürdige Sprache?

Vor 75 Jahren wurde Rätoromanisch als Landessprache anerkannt. Der Bund subventioniert deren Erhalt mit jährlich rund 4,5 Millionen Franken. Aber die Zahl der Romanisch-Sprechenden sinkt. Über eine Sprache, die auszusterben droht.

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Sprache oder Dialekt?

Die Linguistik sagt, das Bewusstsein der Sprechenden entscheide, ob eine Sprache als Dialekt angesehen wird. Das Romanische ist so verschieden vom Italienischen, dass es als eigene Sprache gilt. Die fünf Idiome (Valader, Puter, Surmiran, Sutsilvan, Sursilvan) sind mehr als Dialekte. Sie haben eine über 500jährige Schrift- und Grammatiktradition.

Rund 60‘000 Schweizer sprechen derzeit Rätoromanisch – Tendenz abnehmend. Der Kanton Graubünden erhält jährlich rund 4,5 Millionen Franken für die Förderung des Romanischen.

Muss eine Minderheit sich einig sein?

In den 1980er-Jahren wurde im Bergkanton das Rumantsch Grischun eingeführt. Dieses sollte als romanische Schriftsprache verbindend wirken.

Doch stattdessen entbrannte ein Streit: Wie stark soll die Einheitssprache die lokalen Idiome dominieren? Mit harten Bandagen und teils absurden Argumenten kämpfen die einen für mehr Anerkennung der Idiome, die anderen für den Versuch, das Rumantsch Grischun zu etablieren.

Bei Aussenstehenden stösst der Streit innerhalb der romanischen Gemeinschaft meist auf Unverständnis. Aber: «Die Erwartung der Mehrheit, dass die Minderheit sich einig sein sollte, ist falsch», sagt Clà Riatsch, Professor für rätoromanische Sprache und Literatur. «Das wäre, wie wenn man von einem Stadtteil erwarten würde, dass dort alle gleich abstimmen.»

Respektzeichen gegenüber einer Minderheit

Das Befremden der Nicht-Romanen über das Gebaren der Rätoromanen bleibt: Millionen Franken Sprachförderung für eine Gruppe, die zerstritten ist und nachweislich immer kleiner wird?

«Positiv gesagt ist das ein Zeichen des Respekts gegenüber einer Minderheit», so Riatsch. Wenn die Landesregierung sich als mehrsprachiges Land darstellen wolle, koste das etwas – gerade bei einer Sprache, die aufgrund ihrer kleinen Grösse auf Unterstützung angewiesen sei.

Italien beanspruchte romanische Schweiz für sich

Man könne die subventionierte Aufrechterhaltung des Romanischen aber auch als «historische Altlast» bezeichnen. Die Anerkennung der romanischen Sprache als Landessprache 1938 war geprägt vom damaligen politischen Kontext.

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Rico Valär aus Zuoz (GR) studierte Romanistik in Zürich und schrieb seine Dissertation über die rätoromanische Sprach- und Heimatbewegung. Im Arpil erscheint sein Buch «Weder Italiener noch Deutsche! Die rätoromanische Heimatbewegung 1863-1938». Er dokumentiert Hintergründe und Umstände der Anerkennung des Rätoromanischen als Nationalsprache.

Italienenische Nationalisten hätten schon vor dem ersten Weltkrieg sehr konkrete Forderungen an die Schweiz gemacht, erklärt Romanist Rico Valär gegegenüber «SRF-News Online». Diese wurden später vom faschistischen Italien intensiviert oder politisch interpretiert. Sie wollten das Tessin und die italienisch sprechenden Regionen Graubündens annektieren.

Teil der Schweizer Identitätskonstruktion

«Die Abstimmung von 1938 über die Anerkennung des Romanischen als Nationalsprache war also ein Abwehrreflex auf diese Forderungen», so Valär. Zudem gab es als Antwort auf den Nationalismus in Deutschland und Italien in der Schweiz andere Bestrebungen zur Förderung der nationalen Identität – dazu gehörte eben auch diese Abstimmung.

Bleibt die Frage, ob man das Romanische mit den Bundessubventionen vor dem Aussterben retten kann? «Man kann nie sagen, ob eine Sprache ausstirbt, oder plötzlich einen Aufschwung erlebt», sagt Romanist Rico Valär. Und mit einem Augenzwinkern auf die aktuelle Debatte um die Olympischen Spiele hinweisend: «Wer weiss, ob im Rahmen der Euphorie um Olympia 2022 plötzlich auch das Rätoromanische boomt.»

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Die Rätoromanen feiern

1:10 min, aus Tagesschau am Mittag vom 20.2.2013

12 Kommentare

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    • , Schweiz

      Mittwoch, 20.02.2013, 21:50

      Politische Altlast. Sonst wird von bürgerlicher Seite immer gemekert, dass gespart werden muss. Spenden sie doch, wenn sie Rumantsch unbedingt noch als Amtssprache wollen. Mal schauen, ob sie dann 4.5 Millionen zusammenbringen.

      • , zürich

        Mittwoch, 20.02.2013, 22:41

        @Züricher Chrigi Wir müssen nicht Spenden damit Rumantsch eine Landessprache bleibt! Es sollte selbstverständlich sein, dass diese Sprache bei uns erhalten bleibt. Geld für's Ausland und andere unwichtige Dinge scheinen wir ja genug zu haben, da sollte es doch eine Frage wie Altlast .... gar nicht geben. Hat auch nichts mit bürgerlich zu tun, sondern mit Heimat- und Nationalstolz und dem Bedürfnis, unser Land, Gebräuche und Sitten zu erhalten, denn die sind es allemal wert!

    • , 6370 Stans

      Mittwoch, 20.02.2013, 15:19

      Wenn man bedenkt, dass in der Schweiz inzwischen mehzr türkisch, portugiesisch, slawisch und andere Fremdsprachen gesprochen wird/werden als romanisch, ist es höchst bedauerlich und unfassbar, dass unsere leider fremdorientiert gewordene Landesregierung betreffend Erhaltung einer EIGENEN Landessprache knausert, nur weil halt "nur" noch 60'000 Menschen romanisch sprechen.

      • , Chur

        Mittwoch, 20.02.2013, 16:35

        Der Titel lautet: Rätoromanisch: "Altlast oder förderungswürdige Sprache?" Von Knausern ist (noch) nicht die Rede. Wichtig ist, dass die Romanischsprechenden in Chur und Bern ihre Belange durchsetzen können. Dass die Kleinsprachen in der heutigen medialen und globalisierten Welt schwer haben, ist nicht ein rein schweizerisches Phänomen. Das Gleiche können sie z. B. in Irland beobachten.

    • , 6370 Stans

      Mittwoch, 20.02.2013, 14:55

      Wie bitte? unsere 4. Landessprache als Altlast für die Schweizer Kasse? Es ist beschämend, dieses Wort nur zu gebrauchen. Dass in Bundesbern nur noch von der 3 sprachigen Schweiz gesprochen wird, lässt tief blicken und zeigt auf, dass gewissen Politikern die vielen Sprachen der Migranten wichtiger scheinen und als kulturelle Bereicherung hochgejubelt werden. Hoffentlich stoppt eine eventuelle Olympiade diese bundesbernische Entwicklung.