So viel pumpt die Pharma in die Gesundheitsbranche

Millionen für Ärzte, Spitäler und Patientenorganisationen: neue Zahlen zeigen erstmals, mit wie viel Geld die Pharmaindustrie das Schweizer Gesundheitswesen sponsert. Doch die Transparenzinitiative ist umstritten.

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Pharmabranche zahlt 140 Millionen an Gesundheitsbereich

1:54 min, aus Tagesschau vom 4.8.2016

Rund 140 Millionen Franken hat die Pharmaindustrie im Jahr 2015 in die Schweizer Gesundheitsindustrie gepumpt. Dies zeigt eine Auswertung von SRF Data auf Basis neuer Daten. Die Daten wurden Ende Juni von 55 Unternehmen im Rahmen des neuen Pharma-Kooperations-Kodexes veröffentlicht, der vom europäischen Pharmaverband EFPIA initiiert wurde und vom Verband ScienceIndustries in der Schweiz umgesetzt wird.

Die Daten geben erstmals eine Übersicht, wohin das Geld der Pharmaindustrie fliesst – und welches Unternehmen am meisten ausgibt.

Mit der Initiative will die Pharmaindustrie darüber Transparenz schaffen, wie viel Geld einzelne Unternehmen an Ärzte, Spitäler, Patientenorganisationen und andere Akteure in der Gesundheitsbranche bezahlt haben. Offenzulegen sind gemäss Kodex folgende Leistungen:

  • Spenden und Zuwendungen an Organisationen
  • Sponsoring von Events
  • Entgelte für Dienstleistungen an Organisationen und Einzelpersonen
  • Geldwerte Leistungen für Forschung und Entwicklung
  • Honorare für Referate
  • Beratungsleistungen in Gremien
  • Beiträge an Anmeldegebühren
  • Reise- und Unterkunftskosten

Davon ausgenommen sind Rabatte bei Arzneimitteleinkäufen, die Abgabe von Mustern verschreibungspflichtiger Arzneimittel sowie die Zahlung von Mahlzeiten bis zu 150 CHF pro Person und Mahlzeit.

Durchschnittlich hat jede Fachperson 1350 Franken bekommen. Allerdings gibt es in den Zahlungen grosse Unterschiede: Die grösste Zahlung betrug 73’643 Franken, die kleinste 12 Franken.

Viel mehr kriegen die Organisationen. Durchschnittlich 14’515 Franken bekamen sie, ebenfalls mit breiter Streuung: zwischen 40 und 4 Millionen Franken.

Grosse Investitionen der Marktführer

Gemäss den Daten haben die grossen Pharmafirmen auch in Sachen Sponsoring die Nase vorn. So ist Novartis alleine für einen Fünftel aller Zahlungen verantwortlich – im Wert von rund 26,6 Millionen Franken. Allerdings unterscheiden sich die Investitionsbereiche der einzelnen Unternehmen stark. So finanziert Novartis offenbar vor allem Events und investiert in Forschung und Entwicklung, während Merck vor allem nicht-zweckgebundene Spenden deklariert hat.

Dass die Pharmaindustrie fast 140 Millionen jährlich an Schweizer Organisationen und Ärzte verteilt, erstaunt Markus Fritz, Apotheker und Leiter der Schweizerischen Medikamenten-Informationsstelle SMI. «Das sind durchschnittlich fast drei Millionen pro Woche. Wenn man bereit ist, so viel Geld auszugeben, erwartet man eine reale Gegenleistung.»

Für ihn stellt sich die Frage, ob beispielsweise industrieunabhängige Patientenorganisationen durch die Pharma mitfinanziert werden sollen. «So werden bei den Organisationen blinde Flecken geschaffen. Man rutscht in eine Abhängigkeit, die nicht sein sollte.»

Marcel Sennhauer, Sprecher von ScienceIndustries, bestätigt den Umfang der Zahlen von SRF. Solche hohe Beträge seien begrüssenswert: «Wenn man das Patientenwohl in den Vordergrund stellen will, braucht es eine solche Zusammenarbeit.» Umso mehr brauche es Transparenz. Zwar hätten noch nicht alle Schweizer Pharmaunternehmen den Kodex unterschrieben, aber man sei auf dem richtigen Weg.

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Über die Daten

Die Daten wurden auf den einzelnen Webseiten der Unternehmen per Stichtag 30. Juni 2016 als Selbstdeklaration veröffentlicht. Auf dieser Basis hat SRF die Daten aggregiert und durch zusätzliche Daten aus Deklarationen des Pharmakodexes angereichert. Dadurch können sie sich von anderen Auswertungen unterscheiden.

Für den Gesundheitsökonomen Heinz Locher ist klar: «Man muss von Fall zu Fall prüfen, ob eine Zahlung am Ende den Patienten nützt oder bloss eine Marketingveranstaltung ist.» Locher ruft die Ärzte und Organisationen auf, sich nicht in Abhängigkeiten zu begeben: «Am meisten stört mich die Finanzierung von obligatorischen Weiterbildungsveranstaltungen von Ärztinnen und Ärzten. Die sollten das selbst finanzieren müssen. Da fehlt das Problembewusstsein. Die Ärzte sollten da mehr Berufsstolz zeigen.»

Vor allem bemängelt Locher die Zugänglichkeit der Daten: «Es kann nicht sein, dass man als Patient auf einer Vielzahl von Webseiten nachschauen muss, ob der eigene Arzt etwas kriegt. Die Pharmaverbände sollten sich organisieren und diese Daten gemeinsam publizieren.»

Transparenz mit Graubereich

Doch die Transparenz-Initiative der Pharma hat zwei Haken: Organisationen und Fachpersonen können ihre Namen von der Deklarationsliste streichen lassen. Sie tauchen dann nur als anonymisierte Geldnehmer auf. Rund 28 Prozent der Direktzahlungssumme an Organisationen und Ärzte – rund 25 Millionen Franken – wurde als anonym deklariert.

So intransparent deklarieren die grössten Geldgeber (in Prozent)

Der zweite Haken ist der Bereich Forschung und Entwicklung. Bereits haben Kritiker moniert, dass Ausgaben aus diesem Bereich intransparent seien und die Forschung teilweise zu Marketinzwecken missbraucht werden könnte.

Rechnet man die Beträge an Forschung und Entwicklung, die allesamt als anonym deklariert wurden, mit, wächst die Anonymitätsquote gar auf 53 Prozent der totalen Ausgaben.

Für Markus Fritz ist die hohe Anonymitätsquote ein grosser Ausfall. Weil damit ein Schlupfloch geschaffen wird. «Jetzt stellt man die Leute an den Pranger, die nichts zu verbergen haben.» Die anderen würden einfach in der Anonymität verschwinden können. Aber die Initiative hätte erst gerade gestartet, nun müsse man abwarten. Interessant sei es, wie sich diese Zahl in den nächsten Jahren ändere: «Wenn in Zukunft die Anonymitätsquote auch noch so hoch ist oder gar steigt, dann hat die Initiative versagt.»

Nicht alle Pharmaunternehmen dulden dieses Schlupfloch. 17 von 55 Firmen haben keine einzige Zahlung an Anonym deklariert, darunter Schwergewichte wie GlaxoSmithKline. Diese offenbar mit System: «Wenn GlaxoSmithKline keine Zustimmung vom Arzt erhält, dass die Zahlen publiziert werden dürfen, dann arbeiten wir mit diesem Arzt auch nicht zusammen», sagt die medizinische Direktorin Natascha Moriconi gegenüber SRF. Novartis will im nächsten Jahr nachziehen und ebenfalls nur noch mit Ärzten zusammenarbeiten, die einer Veröffentlichung der gezahlten Beträge zustimmen.

Sendebezug: Tagesschau, 4. August 2016, 19.30 Uhr