Über 120'000 Unterschriften Vaterschaftsurlaub dank effizientem Unterschriftensammeln?

Die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub» kann eingereicht werden. Dies auch dank den sozialen Medien.

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Unterschriftensammeln dank digitaler Hilfe

1:56 min, aus Tagesschau vom 3.6.2017
  • Die Schweizer Stimmberechtigten werden wohl über einen bezahlten Vaterschaftsurlaub von vier Wochen entscheiden.
  • Der Gewerkschaftsdachverband Travailsuisse hat zusammen mit 140 anderen Organisationen 120'000 Unterschriften für eine Volksinitiative gesammelt.
  • Die Unterschriftensammlung war auch über das Internet sehr erfolgreich. Über die Onlineplattform weCollect haben knapp 59'000 einen Unterschriftenbogen angefordert.
  • Solch digitale Demokratie erleichtert das Zustandekommen von Referenden und Initiativen fundamental – mit noch ungewissen Folgen für die Schweizer Demokratie.
Ein Kinderwagen mit Ballons steht vor einem Exit-Schild. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Initiative für einen 20-tägigen Vaterschaftsurlaub wird im Sommer eingereicht. Keystone / Archiv

Pünktlich zum Vatertag hat die Volksinitiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie» das Ziel von rund 120'000 Unterschriften geschafft.

«Der Vaterschaftsurlaub ist in der Bevölkerung auf ein breites Interesse gestossen», sagte Adrian Wüthrich, Kampagnenleiter und Präsident von Travailsuisse auf Anfrage. Vielfach seien die Leute von sich aus auf die Initianten zugegangen. Auch über das Internet war die Initiative laut Wüthrich überaus erfolgreich.

Gesammelt dank den Sozialen Medien

Gesammelt wurden die 120'000 Unterschriften vor allem dank sozialen Medien – ein Novum mit dem Potenzial, das schweizerische Initiativ- und Referendumswesen fundamental umzukrempeln.
Immer weniger Freiwillige stellen sich zur Verfügung – es muss vermehrt auf bezahlte Unterschriftensammler zurückgegriffen werden. Trotzdem harzt es oft. Umso mehr ist die Hilfe der neuen Online-Plattform weCollect für Gründer Daniel Graf eine Erfolgsgeschichte: «Wir nutzen Facebook, um Leute zu erreichen und dort sehen sie, dass Freunde und Freundinnen schon unterschrieben haben und wir geben uns Mühe, den Prozess so einfach wie möglich zu machen.»
Eine Revolution, die laut der Politologin Adrienne Fichter von der Universität St. Gallen aber auch problematisch ist: «Die sozialen Netzwerke sind nicht für den demokratischen Diskurs konzipiert. Es werden Filteralgorithmen eingebaut, also der News-Feed-Algorithmus sortiert die Inhalte vor. Facebook ist darauf aufgebaut, dass wir nur Inhalte sehen, die für uns relevant sind. In der Regel interagieren wir mit Inhalten, die uns mehr interessieren und so werden uns Inhalte vorgelegt, die unserer Weltanschauung entsprechen.»
So verschwinden Anliegen und Inhalte Andersdenkender, die Welt wird eng. Ein Riesenproblem. Andererseits können mit wenig finanziellen Mitteln viele Menschen erreicht werden. «Ich hoffe, dass wir auf dem Weg zu einer digitalen Landsgemeinde sind, wo die Menschen viel stärker partizipieren können und nicht mehr über den Briefkasten, sondern über die Smartphones», erklärt Graf weiter.

Lanciert worden ist die Initiative für einen 20-tägigen, flexibel beziehbaren Vaterschaftsurlaub von den Dachverbänden der Männer- und der Frauen-Organisationen und von Pro Familia Schweiz mit insgesamt über 140 angeschlossenen Organisationen.

Die Initiative war eine Reaktion auf einen Entscheid des Nationalrats von Ende April 2016. In der grossen Kammer war eine parlamentarische Initiative von Martin Candinas (CVP/GR) gescheitert. Dabei ging es um einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub. Die Kosten dafür waren auf 200 Millionen Franken veranschlagt worden.

Flexibilität kommt Arbeitgeber entgegen

Aktuell seien nur grosse Firmen finanziell in der Lage, den Vätern einen bezahlten Urlaub zu gewähren, schreibt der Verein «Vaterschaftsurlaub jetzt!». Die kleineren Betriebe würden sich das nicht leisten können, weshalb die meisten Väter sich mit einem einzigen Tag zufrieden geben, Ferientage opfern oder unbezahlten Urlaub nehmen müssten.

Das sei ungerecht. Die heutige Situation benachteilige die KMU auf dem Arbeitsmarkt, wird Clivia Koch, Vize-Präsidentin des Vereins, in der Mitteilung zitiert. Es brauche eine nationale Lösung für alle Arbeitnehmenden und Unternehmen.

Das Modell sei arbeitgeberfreundlich. Es ermögliche den männlichen Angestellten, mit ihren Vorgesetzten die beiderseits passende Lösung zu verhandeln. So könne ein Vater beispielsweise zwei Wochen direkt nach der Geburt zu Hause bleiben und die verbleibenden Tage einzeln während dem ersten Lebensjahr des Kindes beziehen. Finanziert werden soll der Vaterschaftsurlaub gleich wie der Mutterschaftsurlaub.