Miese Arbeitsbedingungen Vom Bauern ausgebeutet: Knechte chrampfen zum Hungerlohn

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Vom Bauern ausgebeutet: Knechte chrampfen zum Hungerlohn

15 min, aus Kassensturz vom 16.5.2017

Das Wichtigste in Kürze

  • Hilfskräfte in der Landwirtschaft erhalten gemäss Richtlohn 3210 Franken.
  • Bei 55 oder mehr Wochenstunden ergibt das Stundenlöhne von 13 bis 14 Franken.
  • In einem Fall aus dem Kanton Zürich bekamen Hilfskräfte noch weniger.
  • Die Bauerngewerkschaft Abla spricht von Sklavenarbeit.
  • Vor einem Jahr gelobte der Bauernverband, etwas zu unternehmen. Passiert ist jedoch nichts, die Normalarbeitsverträge wurden nicht angepasst.

Viorel Tudor und Ionut Movila, rumänische Staatsangehörige, haben es keine zwei Monate ausgehalten auf einem Schweinemast-Betrieb im zürcherischen Zwillikon. «Hier fühlt man sich wie ein Sklave», sagt Viorel Tudor. 60 bis 70 Stunden pro Woche schuften, und am Ende des Monats gabs 1500 Franken bar auf die Hand.

Gratis-Überstunden und abgelaufene Lebensmittel

Die beiden Rumänen waren mit den vertraglichen Vereinbarungen einverstanden. Abgemacht waren aber 55 Stunden pro Woche. Die Überstunden wollte der Bauer jedoch nicht auszahlen. Kompensieren konnten sie die Überzeit ebenso wenig. Und während der bevorstehenden Kirschenernte hätten sie gar auf jegliche Freitage verzichten müssen, wie die beiden gegenüber «Kassensturz» schildern.

Bauer in seinem Stall konfrontiert von einem Reporter. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bauer Hansruedi Studer versteht die Aufregung nicht. SRF

Wie viel die billigen Arbeitskräfte dem Bauern wert waren, zeigte sich beim Essen. Gekocht wurde nach den Worten der beiden Rumänen mit abgelaufener Ware aus Restaurants und Lebensmittelläden. Ware, die eigentlich für die Schweine und die Biogasanlage auf dem Hof bestimmt gewesen wäre. «Jeden Morgen mussten wir diese Lebensmittelreste sortieren. Was noch einigermassen gut aussah, kam auf den Tisch.»

Sie hätten sich beschwert über die schlechte Qualität des Essens und dem Bauern gesagt, dass er die Lebensmittel im Laden kaufen solle, schliesslich würden sie für das Essen bezahlen. Tatsächlich zog der Bauer für Kost und Logis 990 Franken pro Monat vom Lohn ab.

Bauer streitet Vorwürfe ab

Als die beiden Hilfsarbeiter ihren Dienst quittierten, wollte der Bauer anfänglich auch den Lohn für den angebrochenen Monat nicht bezahlen.

«Kassensturz» hat Bauer Hansruedi Studer mit den Vorwürfen konfrontiert. Doch dieser streitet unbeirrt alles ab. Die ausstehenden Löhne würde er bezahlen, was inzwischen auch geschehen ist. Die Regelung, wonach während der Kirschernte keine freien Tage gewährt wurden, habe er nie angewendet. Und die Lebensmittel seien stets noch geniessbar gewesen.

Die erhobenen Vorwürfe haben jedoch mehrere ehemalige Angestellte des Bauern gegenüber «Kassensturz» vollumfänglich bestätigt. Sowohl was die Arbeitszeiten betrifft wie auch die abgelaufenen Lebensmittel.

Gewerkschaft: Verhältnisse wie im Sklavenhandel

Deutliche Worte findet auch Mara Simonetta von der Bauerngewerkschaft Abla zum Fall: «Das sind Verhältnisse wie im Sklavenhandel. Unglaublich beschämend für unsere Schweiz.» Und das Schlimme sei, dass dies kein Einzelfall sei. «Erst kürzlich hatte ich einen Fall, da bekam ein Angestellter 19 Monate keinen Lohn ausbezahlt. Der Bauer verteidigte sich, der Angestellte hätte Naturalleistungen bekommen. Er sei ja nicht verhungert.»

Der Schutz der Hilfskräfte auf Bauernhöfen sei generell sehr schlecht, die Ausbeutung der Angestellten ganz legal, sagt Maria Simonetta. Ein grosses Problem auf vielen Betrieben seien die Überstunden. Meist würden diese gar nicht aufgeschrieben. Und so sei es im Nachhinein unmöglich, sie zu belegen.

Bauernverbände blieben untätig

Der Richtlohn brutto beträgt für landwirtschaftliche Hilfskräfte 3210 Franken. Die Arbeitszeit, die dafür gearbeitet werden muss, beträgt je nach Kanton 55 Stunden pro Woche oder gar mehr. Das ergibt Stundenlöhne von 13, 14 Franken. Einzig in den Westschweizer Kantonen Waadt und Genf müssen die Bauern akzeptable Löhne von 16, 17 Franken pro Stunde bezahlen, weil die Gewerkschaften dort erfolgreicher verhandelt haben.

«Kassensturz» berichtete bereits vor einem Jahr über die mickrigen Stundenlöhne von Hilfsarbeitern auf Bauernhöfen. Damals gestand auch Bauernverbands-Präsident Markus Ritter ein, dass Handlungsbedarf bestehe. Vor allem die langen Arbeitszeiten müssten seiner Ansicht nach reduziert werden: Auf 52,5 Stunden pro Woche für Betriebe mit Tierhaltung und auf 49,5 Stunden für Betriebe ohne Vieh.

Doch passiert ist nichts. Die Kantone haben ihre Normalarbeitsverträge nicht angepasst. Für Mara Simonetta von der Gewerkschaft nicht weiter erstaunlich: Es sei kein Druck da und kein Wille, die Arbeitszeiten zu reduzieren. Weder bei den kantonalen Bauernverbänden, noch bei den Bauern selbst.

Zürcher Bauernverband sieht keinen Handlungsbedarf

Hofbesitzer Hansruedi Studer ist Mitglied des Zürcher Bauernverbandes. «Kasssensturz» konfrontierte den Verband mit den Vorwürfen.

Lachender Mann auf einer Wiese. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Martin Hübscher von Bauernverband Zürich. SRF

Vorstandsmitglied Martin Hübscher wollte zum konkreten Fall aber keine Stellung nehmen: «Es steht Aussage gegen Aussage, aber wir unterstützen unsere Betriebe in der Umsetzung des Normalarbeitsvertrages und in den allermeisten Fällen läuft das sehr gut.»

Die Wochenstunden heruntersetzen – wie es der Präsident des Bauernverbandes forderte – will der Zürcher Bauernverband nicht: «Wir sehen aktuell keinen akuten Handlungsbedarf.» Im überkantonalen Vergleich habe der Zürcher Bauernverband nicht die höchsten Stundenzahlen. Ausserdem sei die Umsetzung nicht einfach: «Die Betriebsleiterfamilien arbeiten noch mehr Stunden pro Woche und die landwirtschaftlichen Einkommen sind tief. Das ist eine Knacknuss», so Martin Hübscher.

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