EZB senkt Leitzins und verschärft Strafzins für Bankeinlagen

Die Notenbank ergreift Massnahmen, um die Inflation anzuheizen und die Wirtschaft anzukurbeln: Sie senkt den Leitzins auf historische null Prozent. Sie brummt den Banken einen noch höheren Strafzins für parkiertes Geld auf, und sie weitet ihr Programm für Wertpapier- und Staatsanleihenkäufe aus.

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EZB senkt Leitzins

1:59 min, aus Tagesschau vom 10.3.2016

Die Europäische Zentralbank verschärft ihren Kurs gegen die Mini-Inflation und die Konjunkturschwäche im Euroraum mit drastischen Massnahmen. Wie die EZB mitteilte, wird der Schlüsselzins für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Notenbankgeld erstmals auf null Prozent gesetzt. Bislang lag er bei 0,05 Prozent.

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Sechs Massnahmen

Zur weiteren Lockerung der Geldpolitik hat die #EZB insgesamt sechs Massnahmen ergriffen. Lesen Sie sie hier im Wortlaut.

Geld bunkern soll die Banken noch mehr kosten

Der Strafzins für Geschäftsbanken wurde zudem nochmals verschärft. Der sogenannte Einlagensatz werde auf minus 0,4 Prozent von bislang minus 0,3 Prozent herabgesetzt. Damit wird es für die Institute noch teurer, wenn sie überschüssige Gelder über Nacht bei der Notenbank parken.

Die Überlegung dahinter: Müssen die Banken mehr für das Bunkern von Liquidität bezahlen, bringt sie das eher dazu, das Geld als Kredit an Verbraucher und Unternehmen weiterzureichen.

Inflation ankurbeln

Als dritte Massnahme werden die umstrittenen Anleihenkäufe auf monatlich 80 (bisher 60) Milliarden Euro aufgestockt. Mit dem seit März 2015 laufenden Programm wollen die Währungshüter die Wirtschaft ankurbeln Konjunktur und Preisauftrieb anschieben. Die Idee: Das frische Geld kommt im Idealfall via Banken in Form von Krediten bei Unternehmen und Verbrauchern an.

«  Wegen der Ölpreisentwicklung sind sehr niedrige oder sogar negative Inflationsraten in den kommenden Monaten unvermeidlich. »

Mario Draghi
EZB-Präsident

Im Zuge der Bekanntgabe ihrer Massnahmen hat die EZB auch ihre Prognosen für Inflation und Wachstum weiter und teils deutlich gesenkt. Wie Mario Draghi an der Medienkonferenz in Frankfurt erklärte, wird für das laufende Jahr eine Inflationsrate von 0,1 Prozent erwartet. Bisher lag der Wert bei 1,0 Prozent.

Inflationsziel in Ferne gerückt

Im Jahr 2017 dürfte die Inflation 1,3 Prozent betragen, anstatt wie bisher erwartetet 1,6 Prozent. Selbst im Jahr 2018 sieht die EZB ihr Inflationsziel von knapp zwei Prozent nicht in Reichweite. In diesem Jahr rechnet sie mit einer Inflationsrate von 1,6 Prozent.

Die trüben Aussichten führt Notenbanker Draghi auf den Preiszerfall im Energiesektor zurück. «Wegen der Ölpreisentwicklung sind sehr niedrige oder sogar negative Inflationsraten in den kommenden Monaten
unvermeidlich.», sagte EZB-Präsident Mario Draghi in Frankfurt.

Draghi verteidigt Kurs, erntet aber auch Kritik

EZB-Präsident Mario Draghi hat bei der Entscheidung zum weiteren Öffnen der
Geldschleusen nach eigenen Worten grossen Rückhalt im Führungsgremium der Zentralbank. Der Beschluss sei mit einer «überwältigenden Mehrheit» getroffen worden, sagte er. Die Diskussion sei «positiv und konstruktiv» gewesen.

Handkehrum muss Draghi von Ökonomen und Wirtschaftsführern Kritik einstecken. Die deutschen Banken etwa rechnen mit unerwünschten Nebenwirkungen einer immer lockereren Geldpolitik. Am Ende drohe ein Abwertungswettlauf, der keine Gewinner haben werde.