Handy-ID statt SIM-Karte: Der Wettbewerb ist lanciert

Etwas Grundlegendes wird sich bald im Inneren von Handys und Smartphones ändern: Die SIM-Karte, die jeder in sein Gerät stecken muss, um telefonieren zu können, wird verschwinden. Für Nutzer mag das toll sein, den Telekomfirmen bereitet dieser technische Fortschritt vor allem Kopfzerbrechen.

Eine Auslegeordnung von SIM-Karten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die SIM-Karte, dieses kleine fragile Stück, ist schon bald überflüssig – zum Leidwesen von Swisscom und Co. Reuters

Gerade erst hat die Telekombranche Milliarden Dollar in den Ausbau der Mobilfunknetze investiert. Weltweit sind fast fünf Milliarden Menschen über Handys verbunden; immer mehr über schnelle Datennetze. Nun möchten die Telekomfirmen aus den Investitionen zum Netzausbau auch Gewinne schöpfen. Doch, sagt Matthias Finger, Telekomspezialist an der ETH Lausanne: «Es ist eine Frage, ob man mit dieser Infrastruktur in Zukunft noch Geld verdienen kann.»

Denn mit dem Verschwinden der SIM-Karte – eigentlich einer kleinen technischen Änderung – sind die Geschäftsmodelle der Telekomunternehmen in Gefahr. Das winzige Stück Plastik mit dem goldenen Chip, die Identitätskarte des Handys im weltweiten Mobilfunknetz, muss heute noch jeder Kunde zuerst bei seinem Anbieter besorgen, um überhaupt im Mobilfunknetz telefonieren oder surfen zu können.

Heute gilt: Neuer Anbieter, neue Karte

Und die Karte bindet den Nutzer an die jeweilige Telefongesellschaft. Wer den Anbieter wechselt, muss auch die SIM-Karte wechseln. Schon Ende dieses Jahres werden erste Handys auf den Markt kommen, die den kleinen Chip nicht mehr brauchen. Denn technisch ist es nun möglich, die Handy-ID im Gerät selbst zu speichern und sie bei einem Anbieterwechsel einfach elektronisch zu ändern.

Den Kunden ist es damit möglich, den Anbieter künftig schneller zu wechseln. Mit einem Tippen auf den Handy-Bildschirm können sie theoretisch täglich – wenn sie wollen – den gerade günstigsten Anbieter auswählen. Diese neue Technik wird neue Konkurrenten auf den Plan rufen. Im Vorteil wären jene, die quasi bereits in unseren Handys sitzen und damit bei den Kunden bereits einen hohen Bekanntheitsgrad haben: Die Hardware- und Softwarehersteller.

Konkurrenz von Soft- und Hardwareriesen

Apple, Google, Samsung oder sogar Facebook haben denn auch bereits Interesse daran gezeigt. Der Markteintritt dieser Giganten würde die Branche am Anfang zwar unterschiedlich treffen, sagt Andreas Müller, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank: «Vor allem Telekomfirmen ohne Infrastruktur sind dem Wettbewerb dieser neuen Dienstleistungsanbieter ausgesetzt.» Klassische Anbieter wie die Swisscom, die gute eigene Mobilfunknetze unterhalten, seien im ersten Moment weniger gefährdet.

Zudem hätten die Schweizer Anbieter ohnehin noch etwas Zeit, meint Christian Grasser, Geschäftsführer des Branchenverbandes Asut: «Die Schweizer Kunden sind Qualitätskunden. Sie schätzen einen guten und lokalen Kundendienst. Sie möchten eine flächendeckende Mobilfunkversorgung haben.» Sie würden nicht gleich zum erstbesten Billiganbieter rennen.

Gewissheit gebe es in der Branche schon allerdings lange keine mehr, betont Experte Müller: «Der Markt entwickelt sich sehr dynamisch, mit immer neuen Geschäftsmodellen, welche die bisherigen Einnahmen von Telekommunikationsfirmen untergraben können.» Minutenabrechnungen in der Telefonie und SMS-Dienste brachten immer weniger Geld ein. Die Folge waren Flatrates. Und so entwickeln Swisscom, Sunrise und Salt auch jetzt mögliche Strategien zur Abwehr dieser neuen Konkurrenz.

Hoffen auf Geschäft mit Zusatzleistungen

Öffentlich darüber reden wollen sie noch nicht. Gerade die Swisscom versucht aber schon seit Jahren, in andere Geschäftsfelder vorzustossen, um vom reinen Telekom-Geschäft unabhängiger zu werden, sagt ETH-Professor Finger: «Sie versucht, Zusatzleistungen zu verkaufen, wie etwa Bluewin-TV oder Medien- und Gesundheitsleistungen. Alles, was man irgendwie digital auf dieser Infrastruktur noch verkaufen kann.»

Denn sollten tatsächlich andere Anbieter den Telekomunternehmen Kunden wegschnappen, droht viel mehr als nur der Wegfall von Abonnementseinnahmen. Wer den Zugang zu den Kunden verliert, dem geht das grösste Kapital der heutigen Informationsgesellschaft verloren: Das Wissen über die Kunden, welches die Telekomfirmen heute anhäufen. Auf diese Daten haben es die Werbeverkäufer wie Google ganz besonders abgesehen.