Warum Glencore in derartigen Schwierigkeiten steckt

Es sind schwierige Zeiten für Glencore-Chef Ivan Glasenberg: Im vergangenen Jahr hat sein Konzern fünf Milliarden Dollar Verlust gemacht. Die tiefen Rohstoffpreise treffen das Unternehmen viel härter als die Konkurrenz. Grund ist eine folgenschwere Hybrid-Strategie.

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Glencores düstere Jahresbilanz

0:43 min, aus Tagesschau am Mittag vom 1.3.2016

Es hätte die Lösung aller Probleme sein sollen: Vor drei Jahren verleibte sich der führende Rohstoffhändler Glencore den riesigen Minenkonzern Xstrata ein. Das sollte Aktionären Mehrwert bieten und ein Puffer für den Fall sein, dass es im Handel mal nicht rund laufen sollte. Inzwischen ist klar: Die Strategie ist nicht aufgegangen. Gewinn und Umsatz sind kräftig eingebrochen.

Ivan Glasenberg, CEO von Glencore. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schlechte Nachrichten: Konzernchef Glasenberg muss den nächsten Milliardenverlust rechtfertigen. Reuters/Archiv

Die tiefen Rohstoffpreise träfen Glencore härter als die meisten anderen Schweizer Rohstoffunternehmen, sagt der Ökonom Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich : «Die Schwierigkeiten sind vor allem mit den Bergbauaktivitäten verbunden. Denn die tieferen Preise führen dazu, dass die Produktionskosten kaum gedeckt werden können.»

Gewaltiger Schuldenberg angehäuft

Glencore-Chef Ivan Glasenberg ist deshalb in Erklärungsnot. Denn mit dem Kauf von Xstrata hat der Konzern nicht nur viele Minen gekauft, die jetzt nicht mehr rentieren, sondern auch einen Schuldenberg von mehr als 30 Milliarden Dollar angehäuft. Diesen abzutragen, ist schwierig geworden, seit die Preise für Rohstoffe wie Kupfer, Kohle oder Nickel im Sinkflug sind.

Glasenberg will deshalb in die Offensive gehen. «Wir werden unsere Kosten weiter senken», kündigte er bei der Bilanzvorlage an. Schon im vergangenen Jahr hatte Glencore die Produktion von Kupfer, Nickel und Kohle stark zurückgefahren. Das werde notfalls ausgeweitet: «Wir stellen uns auf weiterhin niedrige Rohstoffpreise ein», sagte der gebürtige Südafrikaner. Parallel dazu will der Rohstoffkonzern allen Ballast abwerfen – und unter anderem versuchen, Minen zu verkaufen. Bis Ende Jahr soll die Verschuldung dadurch auf 18 bis 19 Milliarden Dollar sinken.

Schweiz als Drehscheibe im weltweiten Rohstoffhandel

Besser als der Mischkonzern Glencore haben es dagegen die reinen Rohstoffhändler, die den Grossteil der Schweizer Rohstoff-Unternehmen ausmachen. Sie verdienen ihr Geld, indem sie die unterschiedlichen Preise an verschiedenen Märkten ausnutzen. KOF-Ökonom Abrahamsen sagt: «Wenn die Preise tiefer sind, ist insgesamt auch die Marge kleiner. Aber sie verdienen trotzdem.»

Die Schweiz ist eine der bedeutendsten Drehscheiben im weltweiten Rohstoffhandel. Viele Unternehmen handeln mit Rohstoffen, von denen die meisten den Schweizer Boden nie berühren.

Der Schweizer Transithandel erwirtschaftete allein 2011 im Ausland einen Gesamtertrag von rund 760 Milliarden Schweizer Franken – ein Betrag der höher ist als das Schweizer Bruttoinlandsprodukt. Der Anteil dieses Transithandels am Schweizer BIP betrug zuletzt rund dreieinhalb Prozent, wie die Statistiken der Schweizer Nationalbank zeigen. Die Branche selbst geizt mit Zahlen.

Schweizer Arbeitsplatze in Branche vorderhand nicht gefährdet

Auch wenn Händler wie Vitol oder Trafigura nach wie vor gut verdienen: Ihr Beitrag zum BIP dürfte wegen der tiefen Rohstoffpreise etwas kleiner geworden sein, schätzt Abrahamsen: «Ich vermute, dass es um einiges heruntergegangen ist. Es könnte mit dem jetzigen Preisniveau auf etwas über zwei Prozent gelandet sein.»

Die Schweizer Rohstoffbranche werde insgesamt aber kaum leiden, erwartet der Ökonom. Und während Glencore in seinen Minen im Ausland zehntausende von Stellen abbaut oder abgebaut hat, dürfte die Zahl der Schweizer Rohstoff-Arbeitsplätze mit etwa 10'000 stabil bleiben.