Wenn sich Riesen und Zwerge zusammentun

Sie sollen dafür sorgen, dass die Bürger von A nach B kommen – und deren Briefe ebenfalls. Doch die Erträge gehen zurück. Die Staatsbetriebe SBB und Post brauchen neue Einkommensquellen. Dafür haben beide junge Männer aus der Start-up-Szene eingestellt. Diese sollen die Innovationen finden.

Zug mit Kunden, die einer Präsentation folgen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fahren mit Vortrag: Sechs Jungunternehmer versuchten letzte Woche, mit ihren Ideen bei den Passagieren anzukommen. SRF

Die SBB haben den 30-jährigen Manuel Gerres für einen Zweck aus Berlin geholt: Er soll die Start-up-Szene nach innovativen Ideen durchleuchten, die sich der Bahnriese zunutze machen könnte.

100 Jungunternehmen hat Manuel Gerres bislang überprüft. Fünf von ihnen arbeiten zurzeit probeweise in Büro-Räumlichkeiten beim Zürcher Hauptbahnhof. Die SBB stellen ihnen kostenlose Arbeitsplätze zur Verfügung, solange sie Potenzial in ihnen sehen. Jeweils nach einem halben Jahr wird Bilanz gezogen. Wer nicht gefällt, muss seinen Platz räumen.

«Sinnvoller und besser durch Start-ups»

Manuel Gerres spricht von einer «Angewiesenheit auf beiden Seiten». «Ich denke, dass wir in verschiedenen Bereichen sinnvoller und besser sind, wenn wir auf Start-up-Kooperationen setzen. Denn sie haben ja bereits die bestehenden Produkte.» Man wolle und könne nicht alles selbst entwickeln. Letzlich ist es ein Kostenfaktor.

Manuel Gerres über das Start-up-Konzept der SBB

1:54 min, vom 7.4.2014

Um zu testen, ob die Ideen, die bei den SBB Gefallen finden, auch bei den Kunden ankommen, hat Manuel Gerres vergangenen Donnerstag einen so genannten «Rail Pitch» veranstaltet. In einem Zug von St. Gallen via Zürich, Bern und Lausanne nach Genf und wieder zurück haben sechs auserwählte Start-ups ihre Ideen vorgestellt.

Die Meinungen der Passagiere werden im Laufe dieser Woche ausgewertet. Anschliessend entscheiden die SBB, mit welchen Jungunternehmen sie eine langfristige Zusammenarbeit eingehen wollen.

Post hat 250 Start-ups begutachtet

Bei der Schweizerischen Post heisst der Start-up-Beauftragte Thierry Golliard. Er hat sich bisher 250 Start-ups angeschaut. Mit fünf von ihnen fasst er eine engere Zusammenarbeit ins Auge.

Thierry Golliard über das Start-up-Konzept der Post

0:57 min, vom 7.4.2014

Am weitesten ist Mila, ein Internet-Marktplatz für Dienstleistungen. Mit dessen Geschäftsführer Manuel Grenacher ist ein Vertrag zur Zusammenarbeit in Vorbereitung. Der Pilotversuch, von dem sich der Konzern eine Ankurbelung seines Paket-Versands verspricht, soll in drei bis vier Monaten starten.

Jungunternehmer Grenacher konnte bereits das Interesse mehrerer Schweizer Staatsbetriebe wecken: So besteht eine Zusammenarbeit mit Swisscom. Und auch im «Rail Pitch» der SBB war Mila mit von der Partie.

Aufkauf nicht geplant

Bei der Post schliesst man nicht aus, Start-ups auch aufzukaufen. «Wenn es gut funktioniert, ist eine finanzielle Beteiligung oder sogar eine Übernahme denkbar», sagt Thierry Golliard. Anders klingt es bei den SBB. «Wir haben keinen Investment-Fonds», sagt Manuel Gerres. «Ein Kauf ist ausgeschlossen.»

Die Start-up-Aktivitäten der Schweizer Staatsbetriebe sind Ausdruck der Bemühung, mit Entwicklungen vor allem im Multimedia-Bereich Schritt halten zu wollen.

Es sind ungleiche Partner, die hier aufeinandertreffen. Doch für die Jungunternehmer sind derartige Kooperationen eine Chance. Sie können sich mit grossen Namen schmücken. Und so bleibt die Hoffnung, dass der eine oder andere grosse Fisch anbeissen möge.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Staatsbetriebe auf der Jagd nach Start-ups

    Aus ECO vom 7.4.2014

    SBB und Post stehen in der öffentlichen Wahrnehmung nicht unbedingt für Innovations-Kraft und kreative Wagnisse. Dabei röntgen beide Staatsbetriebe inzwischen systematisch die Schweizer Start-up-Szene, um neue Ertragsquellen zu finden. «ECO» zeigt, wie die Riesen sich die Ideen der agilen Zwerge zunutze machen – und was sich Jungunternehmer von solchen Kooperationen versprechen.