Wirtschaftsboom abrupt gestoppt

Was ist nur passiert in den einst so hochgejubelten Schwellenländern, wie etwa Brasilien oder Indien? Die Wechselkurse der Landeswährungen kennen derzeit nur eine Richtung – nämlich abwärts. Besonders betroffen ist Argentinien.

Droht in Argentinien nach 2001 erneut der Staatsbankrott? Am Freitag brachten Sorgen um die zweitgrösste Volkswirtschaft Südamerikas das Fass zum Überlaufen. Regierung und Notenbank haben vor den Finanzmärkten kapituliert, meinen Analysten, sie lockerten die Devisenkontrollen, der Peso wurde abgewertet.

Laut Agenturberichten horten die Bauern ihre Weizen- und Sojabohnenernte wegen der Abwertung. Anleger erinnern sich an die letzte Staatspleite Argentiniens vor kaum mehr als zehn Jahren, die ebenfalls mit einer deutlichen Peso-Abwertung eingeleitet worden war.

Argentinien ist kein Einzelfall

Seit vergangener Woche stehen die einstigen Boomländer an den Finanzmärkten massiv unter Druck. Türkische Lira, brasilianischer Real, südafrikanischer Rand oder indische Rupie – sie alle werden in grossem Stil auf den Markt geworfen. «Wir sehen den perfekten Sturm – die denkbar ungünstigste Verkettung schlechter Nachrichten», sagt Edwin Gutierrez, Anlagestratege der Fondsgesellschaft Aberdeen.

Besonders heftig unter die Räder geraten sind die sogenannten «fragilen Fünf»: Indien, Indonesien, die Türkei, Brasilien und Südafrika. Ihre Landeswährungen sind ohnehin angeschlagen, haben seit Jahresbeginn massiv an Wert eingebüsst.

Trader an der Börse in Buenos Aires. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Aktienkurse an der Börse in Buenos Aires sind auf Talfahrt. Keystone

Viele der Staaten, die nun unter Druck stehen, haben zwar hausgemachte Probleme. In Istanbul, Buenos Aires oder Bangkok kriseln die Regierungen aus den unterschiedlichsten Gründen heftig. Fest steht aber: Die politischen Risiken schrecken Investoren ab.

Billige Kredite als Wurzel des Übels

Es gibt zudem einen gemeinsamen Nenner bei den bedrängten Schwellenländern: Weil sie weniger exportieren als sie an Waren einführen, brauchen sie Kapital aus dem Ausland.

Milliarden über Milliarden flossen in den vergangenen Jahren in diese Schwellenländer. Denn im Kampf gegen die globale Finanz- und Wirtschaftskrise antworteten die grossen Zentralbanken, allen voran die US-Fed, mit einer Geldflut.

Ein grosser Teil dieser Liquiditätsschwemme schwappte um den Globus und blieb in den Schwellenländern hängen. Solange der Kreditfluss sprudelte, hatten viele Regierungen es mit den notwendigen Strukturreformen oftmals nicht eilig.

Das rächt sich nun. Denn die USA finden wirtschaftlich zu alter Stärke zurück und die Fed baut ihre Konjunkturstützen ab. Die Finanzmärkte müssen jetzt mit weniger Billiggeld-Doping auskommen. Kapital fliesst aus den Schwellenländern ab. «Das Ergebnis von alldem ist die Korrektur einer langen und herrlichen Rally», zieht Unicredit-Chefökonom Erik Nielsen das nüchterne Fazit.