Margaretha Heim: «Früher musste man an ein ‹Plätzli› gehen»

Mit Jahrgang 1932 wurde Margaretha Heim in eine schwierige Zeit hinein geboren – und in eine Arbeiterfamilie. Wirtschaftskrise und 2. Weltkrieg belasteten ihre Eltern schwer. So kam es, dass Greti schon als Neunjährige den Sommer über bei fremden Familien wohnte und dort im Haushalt mit half.

Diesen Monat wird Margaretha Heim 85 Jahre alt. Diesen feiert sie im Tertianum Casa Fiora in Zizers, wo sie heute lebt. Dort hat sie kürzlich an einer lebhaften Gesprächsrunde über Lebenserinnerungen teilgenommen. Munter und begleitet von herzhaftem Lachen erzählte sie ein paar Episoden aus ihrem Leben.

Ferienplatz mit kleinem Nebenverdienst

«Ende der 1930er-Jahre war es gang und gäbe, dass Eltern ihre Kinder während der Schulferien in fremde Familien schickten», erklärt sie. Das Geld sei knapp gewesen und die Eltern froh, ein hungriges Kind weniger am Tisch zu haben.

Das «Plätzli» in Fanas

1:11 min, aus Sinerzyt vom 12.09.2016

Die neunjährige Greti, wie man Margaretha damals rief, trifft es gut. «Ich war in einer besser gestellten Familie, die jemanden zum Einkaufen und Verrichten leichter Arbeiten suchte.» 20 Franken habe sie im Monat verdient.

Heimwehtränen

Drei Jahre später verbringt sie ein paar Wochen bei einer Familie in Fanas im Prättigau. Nach einer schweren Gelbsuchterkrankung soll ihr die Luftveränderung helfen zu genesen. Auch hier wird Mithilfe im Haushalt vorausgesetzt. Margaretha Heim erinnert sich an eine Aufgabe, die ihr zuwider war: «Früh am Morgen musste ich jeweils Brennnesseln ausreissen, als Futter für die Schweine. Das brannte wie verrückt auf der Haut. Deshalb habe aus einer Schublade Papiertüten gestohlen und über meine Hände gestülpt.»

«  Meine Mama war eine gut gelaunte, muntere Frau. »

Margaretha Heim

Ansonsten will sie sich im Nachhinein nicht beklagen. Gut hätte sie es dort gehabt, genügend zu Essen und ein schönes kleines Zimmer. Aber als Zwölfjährige habe sie das Heimweh geplagt. «Ich habe oft aus dem Fenster geschaut, an mein Zuhause gedacht und geweint.» Ihre Eltern erbarmten sich ihrer Tochter und holten sie etwas früher als vorgesehen wieder nach Hause.

Elternhaus und Berufsjahre

Wenn es um ihrer Eltern geht, schwärmt Margaretha Heim vor allem von ihrer Mutter. «Die Mama war eine so gut gelaunte, muntere Frau. Mit ihr konnten wir über alles sprechen und mit ihr haben wir viel gesungen.»

Aufgewachsen ist die Bündnerin mit zwei Schwestern und einem Bruder. Eine Berufslehre kam nur für den Bruder in Frage. Bei den Mädchen ging man davon aus, dass sie später sowieso heiraten würden und somit gut versorgt wären.

Im Tessin bei Kräuterpfarrer Künzle

Also arbeitet Greti in einer Buchdruckerei, in einer Konservenfabrik und später im Depot von Kräuterpfarrer Johann Künzle. «Das war interessant. Wir haben auf Bestellung verschiedene Kräutermischungen zusammengestellt.»

Dann zieht Johann Künzle mit seinem Unternehmen ins Tessin und Margaretha Heim, inzwischen verheiratet und schwanger, arbeitet ein paar Monate lang in Ascona – bis es ihrem Mann zu «bunt» wird. «Er sagte, ich müsse nach Hause kommen, das ginge so nicht mehr, sonst würde er sich scheiden lassen», erzählt die 85-Jährige amüsiert und meint lachend. «Da wusste ich, was ich zu tun hatte und bin halt wieder zurückgegangen.»

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