Review «Detention»: Nicht nur Zombies sorgen für Schrecken

Vieles kann Schrecken auslösen: Zombies. Ein repressives Regime. Häusliche Gewalt. Gekonnt vereint das Indie-Game «Detention» verschiedene Formen des Horrors zu einem atmosphärischen Abenteuer, in dem wir beiläufig viel über Taiwans Kultur lernen.

Die 1960er-Jahre auf Taiwan: Seit 1949 steht die kleine Insel unter Kriegsrecht, es ist die Ära des «Weissen Terrors». Angebliche oder tatsächliche Oppositionelle zur regierenden Kuomintang-Partei werden verfolgt. Angst vor kommunistischen Spitzeln ist an der Tagesordnung. Literatur und Musik, die dem Herrscher Chiang Kai-shek nicht passen, sind verboten.

Unheimliche Vorgänge in der Bergschule

In dieser Ära spielt «Detention» – und beginnt ganz im Kleinen, fern von der Politik, in einer abgelegenen Bergschule. Weil es stark regnet, sind der Junge Wei Zhongting und das Mädchen Fang Ruixin von der Aussenwelt abgeschnitten. Sie richten sich ein, in der Schule die Nacht zu verbringen. Doch dann geschehen seltsame Dinge: Das Flutwasser verfärbt sich blutrot. Wei hängt plötzlich an den Füssen fest gemacht mit dem Kopf nach unten von der Decke. Er ist tot. Leichen erwachen wieder zum Leben. Sie schleichen durch die Schule und fallen Fang Ruixin an. Ein unheimlicher Soundtrack lässt mir die Haare zu Berge stehen.

Ein riesiges Wesen mit langer Zunge und Laterne beugt sich über Fang Ruixin. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kommt der Laternendämon, halten wir die Luft an und wenden uns ab. Screenshort SRF

Und durch diese Welt, die immer surrealer wird, steuern wir Fang: Wir klicken auf eine Stelle im Bild – Fang läuft dorthin. Ein Klick – wir öffnen Türen, ein Klick – dann schauen wir uns einen Gegenstand an. Ja, diese Spielmechanik ist altbacken, auch die Animationen von Wei und Fang sind krude.

Typisch Taiwan

Doch «Detention» lässt mich diese Mängel vergessen. Das beginnt mit der Spielumgebung, die zutiefst in der taiwanesischen und chinesischen Kultur verwurzelt ist. Klar sind auch die Monster und Dämonen anders, als wir sie aus der westlichen Kultur kennen. Untote lenken wir beispielsweise mit einer Schale Reis ab, damit sich Fang an ihnen vorbei stehlen kann – dem sogenannten «Fussenden-Reis», der traditionell den Toten zu Füssen hingestellt wird.

Schrein Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: An den Schreinen können wir speichern. Screenshort SRF

Auch andere Elemente des Games sind eng mit der chinesischen Kultur verbunden: Wir opfern Papiergeld, um von den Göttern Schutz zu erbeten, knacken ein Schloss auf Basis des Jahrtausende alten Buchs der Wandlungen und speichern den Spielstand in einem buddhistischen Schrein ab.

Es sei ein grosses Anliegen gewesen, ein Horror-Game zu entwickeln, das explizit auf Taiwans Kultur Bezug nehme, gleichzeitig aber auch nicht-chinesische Spielerinnen und Spieler anspreche, erklärt Vincent Yang vom Gamestudio «Red Candle».

«Detention» ist das erstes Game der jungen Firma. Den Machern ist es gelungen, buddhistische und daoistische Einflüsse, aber auch Elemente der chinesischen Mythologie überall wie beiläufig ins Spielgeschehen einzustreuen. «Detention» hebt jedoch nie den Lehrerfinger – eine Wohltat.

Horror, politisch und persönlich

In Taiwan ist «Detention» ein riesiger Erfolg und hat entsprechend grosses Medienecho hervorgerufen. «Bei vielen weckt das Game Erinnerungen an eine repressive Zeit, über die man selten redet», erzählt Vincent Yang. Der «Weisse Terror» ist in «Detention» zu Beginn kaum präsent, das Mädchen Fang Ruixin schlägt sich vor allem mit Untoten und sonstigen Gruselgestalten herum.

Fast das komplette Team von Red Candle Games Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das (fast komplette) Team von Red Candle v.l.n.r: Yang Shiwei (Sound), Jiang Dongyu (Drehbuch), Wang Guanghao (Design), Chen Jingheng (Kunst), Wang Hanyu (Pro... Red Candle

Die acht Mitglieder von Red Candle seien zwar alle zu jung, um die Ära miterlebt zu haben, gesteht Vincent Yang. Doch die ältere Generation erinnerte sich noch an die Geschichten, etwa Familienmitglieder, die nachts von der Geheimpolizei abgeholt wurden oder einfach verschwanden. Ein Onkel von Yang landete für fünfzehn Jahre im Gefängnis, weil er Teil der Studentenbewegung war.

Nach der Hälfte des Games tritt eine Wende ein: Wir ahnen allmählich, dass Fang ihre Hände nicht in Unschuld gewaschen hat und dass es einen triftigen Grund geben muss, weshalb wir mit ihr nachts durch diese Schule irren. Wir lernen, dass ihr Schulkamerad einem Lesezirkel angehörte, der verbotene Bücher diskutierte. Dass eine Lehrerin ins Ausland fliehen musste, weil sie diesen Zirkel leitete – typische Schicksale für Taiwans Ära unter Kriegsrecht. Der grosse politische Horror spiegelt sich also im kleinen Alltagsleben und dem persönlichen Horror von Fang Ruixin.

Abtauchen in eine fremde Welt

Ja, die Animationen sind krude, die Spielmechanik ist konventionell. Alles andere aber ist «Red Candle» gelungen und überrascht als Erstling eines kleinen Studios. Die Erzählung verwebt meisterhaft drei Horrorkonzepte zu einem stimmigen Ganzen: Sie verbindet den konventionellen Horror der Untoten und Dämonen mit dem ganz privaten Horror der eigenen Taten und dem politischen Horror eines repressiven Regimes. Das alles wird untermalt von einem Soundtrack, der das Grauen fast schon greifbar macht.

Gleichzeitig vermittelt uns das Game ganz beiläufig auch eine fremde Kultur. Ohne je belehrend zu wirken, erleben wir spielend taiwanesische Tradition. Die Übersetzung auf Englisch weist zwar hier und da Fehler auf, doch fallen sie nie gross ins Gewicht. Letztlich beenden wir «Detention» schweren Herzens ob der Erzählung und mit dem Wunsch, mehr über diese Insel zu erfahren.

«Detention» läuft auf Windows und OSX und ist auf Englisch und Chinesisch erhältlich.