«Path Out» macht die Flucht aus Syrien zum Spiel

Abdullah Karam musste mit 19 Jahren aus Syrien flüchten. Jetzt hat er seine Erlebnisse in einem Retro Game verarbeitet. Er tut es mit viel Humor und Herz und mit einer Botschaft, die vor allem Gamer ganz genau verstehen werden. Wir haben mit ihm gesprochen.

Die Flucht aus Syrien war für Abdullah mehr als nur ein Spiel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Path Out Die Flucht aus Syrien war für Abdullah mehr als nur ein Spiel. Causa Creations

Abdullah Karam war gerade einmal 19 Jahre alt, als er seine Heimat Syrien und seine Familie verlassen musste. Heute hat der 21-Jährige bereits erlebt, was andere in einem ganzen Leben nicht durchmachen müssen. Er ist vor dem Krieg geflüchtet, ist über Minenfelder gegangen und hat sein Leben in die Hände von Schlepperbanden gelegt. So seltsam es klingen mag: All das können wir nun auch in seinem Game «Path Out» tun.

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Demo-Version von «Path Out»

Das erste Kapitel von Path Out kann man derzeit noch gratis herunterladen. Man darf aber auch einen selbst gewählten Betrag dafür zahlen. Wenn genug Geld zusammenkommt, soll im Herbst eine Vollversion des Spiels erscheinen.

Vor zwei Jahren ist Karam in Österreich angekommen. Seine Unterkunft, ein einfaches Zelt, war kein Vergleich zu dem schönen Haus seiner Gastfamilie, in dem er heute in Salzburg lebt. «Es war nie besser und könnte kaum noch besser sein», meint er auf meine Frage, wie es ihm geht. Er macht eine Lehre im IT-Bereich, hat gerade seinen eigenen Gaming PC zusammengebaut – und soeben ist die Demo-Version seines Games «Path Out» erschienen.

Ein Kriegsspiel der anderen Art

Auf den ersten Blick sieht «Path Out» aus wie ein ganz normales 16-bit Retro-RPG aus Japan. Doch das Game ist alles andere als normal, das merke ich bereits in der ersten Spielminute. Ausgesetzt in einem Wald voller Minen und schwer bewaffneten Soldaten ist eigentlich jeder Weg der falsche. Es geht nicht lange, färbt sich der Bildschirm rot. Meine Spielfigur, das kleine Männchen im gelben Pullover, ist tot.

Abdullah Karam höchst persönlich kommentiert mit Videobotschaften was im Spiel passiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Videokommentare Immer wieder kommentiert Abdullah Karam das Geschehene im Spiel. Trotz Tragik auch mit viel Humor. Screenshot SRF Digital

«Man, you killed me!» sagt der echte Karam enttäuscht in diesem Moment via Videoeinblender im Game. In Wirklichkeit sei er nicht so tollpatschig gewesen, als er durch die Minenfelder lief. Dabei habe ihm auch seine Shooter- und Videospielspielerfahrung geholfen, wie er mir später im Interview erzählt.

Richtig verstanden: Die 16-bit Spielfigur mit dem gelben Pullover und der strubbeligen Frisur ist Abdullah Karam selbst. Ein Junge aus Syrien, der bis vor Kurzem am liebsten in seinem Zimmer sass und Blockbuster-Games zockte – bis die Regierung ihm eines Tages den Strom abstellte und plötzlich andere Fragen wichtiger als die Wahl zwischen Konsolen-Spielen und PC-Games.

Retro RPG mit Botschaft

Den Humor hat Karam bei aller Tragik nicht verloren. Den Drahtseilakt, ein so schweres Thema wie die Flucht vor dem Krieg so leicht anzugehen, meistert er gekonnt. Es sei Ausdruck der syrischen Mentalität, die selbst im Angesichts des schlimmsten Grauens versucht, nicht das Lachen zu verlieren, sagt er.

«  Den Humor aus vermeintlich moralischen Gründen auszuklammern wäre ein grober Fehler. Und das verstehen die Spieler auch.  »

Georg Hobmeier
Gründer Causa Creations

Mit «Path Out» will Karam Bewusstsein schaffen. Bewusstsein dafür, dass auch in Syrien ganz normale Menschen leben, die genau wie wir Zentraleuropäer eine breite Kultur haben und Videospiele oder Hollywood-Filme lieben. Bis vor wenigen Jahren sei Syrien das fortschrittlichste und sicherste Land im ganzen Mittleren Osten gewesen, erzählt mir der 19-Jährige.

Seine Heimatstadt Hama beispielsweise gehört zu den ältesten Städten der Erde. Gelegen auf einer Ackerbauebene, die heute weitestgehend zerstört ist, da sie an der Fernstrasse zwischen Aleppo und Damaskus liegt. Die historische Altstadt ist gemäss Abdullahs Wissens zwar grösstenteils erhalten geblieben, jedoch zersplittert in Militärgebiete und mit Checkpoints übersät.

In diesem Massaker ist auch Abdullahs Tante getötet worden. Daran erinnert sich sein Onkel, als der Krieg erneut losgeht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nicht der erste Krieg Schon 1982 wurde Hama von der syrischen Armee bombardiert, weil die Muslimbrüder die Stadt als Widerstandszentrum aus... Screenshot SRF Digital

Man könne sich nicht frei bewegen, niemandem mehr vertrauen, werde auf den Strassen zusammengeschlagen und immer wieder hagle es Bomben ─ Alltag in einer Stadt, in der seit sieben Jahren Krieg herrscht und in der heute noch täglich mindestens fünf Menschen ihr Leben verlieren.

Die Kraft der Videospiele

Die Arbeit an seinem eigenen Spiel hat Abdullah Karam geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. Er hat jede Szene detailliert Revue passieren lassen und dabei nicht nur erkannt, dass ihn das Geschehene gestärkt hat, sondern auch wie viel Glück im Unglück er gehabt hat. Nicht nur, dass er seine Flucht überlebt hat, sondern auch, dass er zufällig in Österreich an die richtigen Menschen geriet, die ihm die Umsetzung dieses Spiels erst ermöglicht haben.

Menschen wie Georg Hobmeier, der Gründer von Causa Creations. Ein kleines Indie-Studio, das sich auf politische Spiele spezialisiert hat. Sein Team hat gemeinsam mit Karam die Demoversion von «Path Out» umgesetzt.

Mittlerweile erscheint dem geflüchteten Syrer das ganze Leben wie ein Spiel, sagt er. «Man muss etwas machen, um sich etwas zu verdienen» – ganz egal, ob es dabei ums Geldverdienen gehe oder darum, seine Charaktereigenschaften weiter «hochzuleveln». Das motiviert Karam, weiter zu arbeiten, egal ob an sich oder an seinen zahlreichen Projekten.

Games machen Dinge erlebbar

Abdullah Karam ist seit Kindheitstagen ein Gamer. Mit Blockbustern wie «Grand Theft Auto» hat er spielend Englisch gelernt, was ihm heute zugutekomme. Ausserdem habe er sich an diverse Überlebenstaktiken aus Games erinnert, als es auf seiner gefährlichen Reise hart auf hart kam.

Eine Nachbarin bemerkt, dass wir bald fertig sind mit der Schule. Sie fragt wann wir dem Militär beitreten. Unsere antwortmöglichkeiten: So bald wie möglich! Hoffentlich nie! oder wir sind uns nicht sicher. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eigene Entscheidungen Immer wieder werfen kleine Entscheidungen grosse Fragen auf. Screenshot SRF Digital

Seine Geschichte in Form eines Videospiels zu erzählen scheint darum nur logische Konsequenz. Aber: «Um die Situation in Syrien tatsächlich verstehen zu können, müsste man sich mehrere Wochen mit der gegenwärtigen Situation, der Geschichte und den Ursachen des Konflikts auseinandersetzten. Das kann weder eine Zeitung noch eine Nachrichtensendung und auch ein Spiel nicht» relativiert Georg Hobmeier die Möglichkeiten des Games.

Was Videospiele hingegen sehr gut können, ist Dinge erlebbar machen. Man erlebt mit, was dem Flüchtenden wiederfahren ist, man erfährt seine persönliche Geschichte und entwickelt schon bald Empathie für den jungen Mann.

Wie weiter jetzt?

Der schwierigste Moment auf Abdullah Karams Reise sei der Anfang gewesen: der Abschied von seinen Eltern. Er hat kaum Zeit gehabt, sich über diesen wichtigen Moment in seinem Leben ausreichend Gedanken zu machen. Am Schluss die Verabschiedung sehr kurz ausgefallen, erinnert er sich. Als Allerletztes habe er einfach nur «auf Wiedersehen» gesagt.

Die Regierung verkauft den Strob wieder in den Libanon - die Syrer bleiben im Dunkeln. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wenn die Xbox still steht Plötzlich ging der Krieg auch Abdullah etwas an... Screenshot SRF Digital

Wohl eine Lüge, wie mir Abdullah mit schwerem Herzen im Interview gesteht, denn er denkt nicht wirklich, dass er seine Eltern jemals wiedersehen wird. «Momentan gibt es keine Chance mehr, aus Syrien wegzukommen», sagt er. Alle würden dem Krieg entfliehen wollen, doch viele seien zu schwach für die gefährliche Reise. Ausserdem sei die politische Lage mittlerweile so angespannt, dass kaum offizielle Visas ausgestellt werden und auch Geld würde nicht mehr weiterhelfen.

Immer wenn Abdullah Karam Nachricht von seiner Familie in Syrien erhält, bekomme er nur schlechte Nachrichten zu hören. Was denn geschehen müsste, damit wieder Frieden einkehrt, wollte ich von ihm wissen. Eine schwierige Frage, auf die der junge Mann selbst keine Antwort wusste.

«Alle Seiten müssten sich verzeihen, doch das ist schwierig, nach allem, was geschehen ist.» Am ehesten aber würde Bildung helfen. Seit sieben Jahren herrscht Krieg und die meisten Kinder, die in dieser Zeit geboren sind, hätten noch nie eine Schule besucht. Sie würden gar nichts anderes als Krieg kennen.

Für die Zukunft wünscht sich Abdullah eigentlich nur zwei Dinge: Erstens, dass alle Menschen in jedem Land mit Menschenwürde und in Frieden leben dürfen. Alles andere sei schlicht und einfach nicht fair. Und zweitens, dass sein Spiel erfolgreich wird, und die Menschen verstehen, dass Syrien nicht ein rückständiger Wüstenstaat ist, in dem es von Kamelen wimmelt, sondern dass seine Bewohner ganz normale Menschen sind, darunter Gamer wie du und ich.