Der Autor von «Fargo» hat die perfekte Superhelden-Serie gemacht

Bevor uns Noah Hawley Ende April mit der dritten «Fargo»-Staffel beschenkt, hat der TV-Serienautor in der Zwischenzeit noch schnell das Superhelden-Genre komplett auf den Kopf gestellt. Die soeben zu Ende gegangene erste Staffel von «Legion» war allerhöchste TV-Kunst.

Stell dir vor, du begegnest jemandem, der ernsthaft davon überzeugt ist, Gedanken lesen oder mit blosser Gedankenkraft Objekte verschieben zu können. Wie würdest du – und wahrscheinlich auch der Rest der Gesellschaft – reagieren?

Realistisch betrachtet: Wahrscheinlich würdest du dieser Person den Gang zum Psychologen empfehlen – und besagter Psychologe wiederum würde die betroffene Person dann früher oder später in Richtung Klapsmühle schicken.

Legion Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Am Rande des Wahnsinns: Hauptdarsteller Dan Stevens FX

Genau das ist David Haller passiert. Als Kind begann David irgendwann Stimmen in seinem Kopf zu hören – und plötzlich fand er sich, inklusive Diagnose «Schizophrenie», in einer psychiatrischen Anstalt wieder.

Jahrelang fristet er dort, ruhig gestellt mit Medikamenten, ein trostloses Dasein. Dann lernt er seine Mitpatientin Sydney kennen, die ebenfalls über gewisse «Kräfte» zu verfügen scheint und Kontakte zur Aussenwelt pflegt. Mehr zur Story wollen wir an dieser Stelle nicht verraten.

Ein Mindfuck der erstklassigen Sorte

Zwar ist «Legion» im Universum des Superheldenteams «X-Men» angesiedelt, mit buntem Popcornkino à la «Wolverine» hat die Serie aber nicht viel gemeinsam. Die Inspirationen von Serienschöpfer Noah Hawley heissen stattdessen Stanley Kubrick (die weirden Trips von David erinnern an den Kinoklassiker «2001: A Space Odyssey»), David Lynch (Stichwort «Twin Peaks»), zum Teil auch Wes Anderson.

Legion Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immerhin verfügt die psychiatrische Klinik über ein ansprechendes Beleuchtungskonzept. FX

Wie schon bei seinem anderen Serienprojekt «Fargo», hat Hawley auch hier wieder etwas hinbekommen, mit dem auf Papier nicht unbedingt zu rechnen war: eine intelligente Superhelden-Serie zu schaffen, die mehr möchte, als den Mutterkonzern Marvel zufriedenstellen und möglichst schnell die Kassen klingeln zu lassen.

«Legion» fordert den Zuschauer heraus. Das heisst aber auch, dass besonders in der ersten Hälfte der Staffel die Serie den Zuseher nur selten an seiner Hand nimmt.

«Legion» kommt wie ein kompliziert gefalteter Origami-Schwan daher und ist ein erstklassiger Eintrag in das Genre des Mindfucks. Die Serie driftet zwischen Realität und verschiedenen Traumebenen hin und her, so dass man bisweilen den Drang verspürt, sich mit einem selbst gezeichneten Diagramm zusätzliche Orienterung zu verschaffen. Fast so wie damals, als man sich zum ersten Mal «Inception» angeschaut hat.

Das Verlangen, abzustellen, hat man trotzdem nie. «Legion» ist zwar weird, bleibt dabei aber ständig aufregend, spannend und sprudelt nur so von Kreativität – sowohl von erzählerischer, als auch von filmischer Sicht her.

Einen grossen Anteil am kreativen Erfolg der Serie hat auch die hervorragende Besetzung, angeführt von Dan Stevens. Stevens könnte einigen noch als Schönling Matthew aus «Downton Abbey» bekannt sein, hier spielt er aber eine um 180° gedreht andere Rolle. 9 von 10 Punkten.

«Legion» ist in der Schweiz auf dem Sender Fox empfangbar. Alle acht Episoden sind auch via iTunes erwerbbar. Die erste Staffel ist bereits zu Ende, eine zweite Staffel soll 2018 folgen.