Liebe auf Geheiss: Zwangsheiraten

  • Dienstag, 29. September 2015, 22:20 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 29. September 2015, 22:20 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 30. September 2015, 1:35 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 30. September 2015, 11:00 Uhr, SRF info
    • Donnerstag, 1. Oktober 2015, 4:15 Uhr, SRF 1
    • Donnerstag, 1. Oktober 2015, 12:45 Uhr, SRF info
    • Samstag, 3. Oktober 2015, 14:05 Uhr, SRF info

Zwangsheiraten sind ein Martyrium. In der Schweiz sind vor allem Tamilinnen, Türkinnen und Frauen aus dem Balkan betroffen. Auch junge Männer werden zur Ehe gezwungen. Einer Studie zufolge gibt es in der Schweiz rund 340 Fälle pro Jahr, die Dunkelziffer liegt vermutlich noch viel höher. Was tun?

Zwangsheirat gilt in der Schweiz seit Juli 2013 als Offizialdelikt, die Gesetzgebung wurde verschärft. Die freie Wahl des Ehepartners oder der Ehepartnerin ist ein Recht, welches für alle Menschen gilt, die in der Schweiz leben – auch für Migrantinnen und Migranten. Eine Zwangsheirat ist demnach eine Menschenrechtsverletzung, denn jeder Mensch hat das Recht, seinen Ehepartner freiwillig und selbstbestimmt zu wählen.

Dennoch: Manche traditionell denkende Eltern reisen mit ihren Kindern im Heiratsalter in ihr Herkunftsland, um sie dort zu verloben und zu verheiraten. Sei es, weil sie sich durch ein früheres Heiratsversprechen verpflichtet fühlen und vor der Verwandtschaft oder der Dorfgemeinschaft das Gesicht nicht zu verlieren. Oder, weil sie für ihr Kind einen guten Partner, beziehungsweise Partnerin finden wollen. Gesprochen wird höchstens von einer arrangierten Ehe. Man zwinge die Jungen nicht.

Oft ist aber der Druck von Verwandten und Bekannten so hoch, dass das junge Brautpaar zustimmt. Wehrt es sich, muss es mit dem Ausschluss aus der Familiengemeinschaft rechnen, häufig auch mit Morddrohungen. So hat die Schweiz zwar ein neues Gesetz, nützen tut es aber wenig, weil die Betroffenen schweigen.

Warum zwingt eine Familie oder eine Gemeinschaft ihre Angehörigen dazu, eine Heirat einzugehen? Und wie kann den Betroffenen geholfen werden?

Unter der Leitung von Karin Frei diskutieren im «Club»:

Anu Sivaganesan, Leiterin Fachstelle Zwangsheirat.ch
Simone Eggler, TERRE DES FEMMES Schweiz, Projektleiterin und Fachfrau Zwangsheirat
Yvonne Meier, Anwältin, juristische Vertreterin von Zwangsverheirateten
Alexander Ott, Fremdenpolizei Bern, Mitglied Runder Tisch Bern «Zwangsehe»
Silver Kordic, Balkan-Mediator und Gerichtsübersetzer

Die Positionen der Gäste:

Anu Sivaganesan: «Wenn man Zwangsheiraten verhindern will, muss man die Beweggründe dafür nachvollziehen können. Es ist kein Zufall, dass man in Deutschland viel weiter ist als hier in der Schweiz. Dort thematisieren vor allem Migrantinnen und Migranten diese Menschenrechtsverletzungen. So lässt sich das Problem nicht einfach ignorieren.»

Yvonne Meier: «Sich gegen eine Zwangsverheiratung zu wehren ist oft ein Entscheid gegen die ganze Familie. Diesen Weg zu gehen, benötigt viel Kraft und Durchhaltevermögen. Oft halten die Betroffenen dem familiären Druck nicht stand, geben auf und arrangieren sich mit der geplanten Eheschliessung. Wer sich trotzdem wehrt, muss mit Verstossung aus der Familie und Gemeinschaft oder sogar mit Morddrohungen rechnen.»

Simone Eggler: «Zwangsheirat verletzt Menschenrechte und ist Symptom dafür, dass Frauen und Männer in unserer Gesellschaft noch immer nicht gleichgestellt sind. Es ist deshalb wichtig, bereits Kinder und Jugendliche für Geschlechternormen zu sensibilisieren.»

Alexander Ott: «Es ist eine staatliche und zivilgesellschaftliche Aufgabe, Zwangsheiraten zu bekämpfen. Nebst dem Vollzug der gesetzlichen Normen braucht es vermehrt Sensibilisierungs-, Schulungs- und Vernetzungsmassnahmen auf allen Staatsebenen. Dabei steht der Schutz der Betroffenen im Mittelpunkt.»

Silver Kordic: «Heute leben Menschen aus dem Balkan bei uns in der Schweiz zum Teil stärker nach Traditionen, als ihre Familien im Balkan. Aus diesem Grund sind arrangierte Ehen hier häufig. Aus meiner Sicht kann man aber nicht von Zwangsehen sprechen.»

Beiträge

  • Anu Sivaganesan, Leiterin Fachstelle Zwangsheirat.ch

    Wenn Behörden eingreifen, können sie in vielen Fällen die Betroffenen auch gefährden. Hier ist sehr behutsames Vorgehen nötig, betont Anu Sivaganesan. Fachstellen vermeiden es häufig auch, überhaupt mit den Angehörigen zu verhandeln. Unterstützt wird vor allem die Person, die sich gegen die Zwangsheirat wehrt. Ansonsten könne eine betroffene Frau auch einmal plötzlich zum Verschwinden gebracht werden. Die Familie verhindert auf diesem Weg eine Intervention.

  • Yvonne Meier, Anwältin, jur. Vertreterin von Zwangsverheirateten

    Von Zwangsheiraten betroffen sind nicht nur Frauen, die als Bräute in die Schweiz "importiert" werden, sondern auch Frauen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind und gezwungen werden, einen Mann aus dem Ursprungsland der Eltern zu heiraten. Der Druck der Familie ist auch in diesen Fällen gross. Eine solche Zwangsehe vor Gericht zu beweisen, ist sehr schwierig.

  • Simone Eggler, TERRE DES FEMMES Schweiz, Fachfrau Zwangsheirat

    Die Ehen von Zwangsverheirateten können aufgelöst werden. Besitzt z.B. eine "importierte Braut" keine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz, dann muss sie häufig in ihr Heimatland zurückkehren, wo sie durch die von ihr angestrebte Ehe-Annullierung in Gefahr geraten kann. Simone Eggler kritisiert, dass es in der Schweiz keine einheitliche Regelung gibt, diese Betroffenen zu schützen.

  • Alexander Ott, Fremdenpolizei Bern, Runder Tisch Bern «Zwangsehe»

    Im Kampf gegen Zwangsehen prallen ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander. Selbst bei Menschenrechtsverletzungen finden sich die Beteiligten häufig nicht. Alexander Ott schildert einen Einzelfall, der aufzeigt, dass es häufig um eine Bedrohung von Leib und Leben geht; Fälle, wo die Behörden gezwungen seien, zu handeln.

  • Silver Kordic, Balkan-Mediator und Gerichtsübersetzer

    Der Kulturvermittler erklärt, warum Familien ihre erwachsenen Kinder im Heiratsalter zu Ehen zwingen. Das Gewohnheitsrecht spiele dabei die wichtigste Rolle, Vorstellungen von Liebe und Ehe in Westeuropa seien für sie da häufig unbedeutend. Trotzdem habe sich auch vieles verändert. Zwangsehen seien immer häufiger "arrangierte Ehen", weil die Jungen die Möglichkeit hätten, sich über die neuen Medien (Viber, Facebook, etc.) kennen zu lernen und anzunähern, bevor die Familie einen endgültigen Entscheid fällt.

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