Manager-Suizid: Knallharte Unternehmenskultur?

Der Freitod von Topmanager Martin Senn reiht sich in eine Serie von Manager-Suiziden. Geht es dabei um einsame Wölfe, die sich schwer damit tun, Niederlagen einzustecken oder läuft grundsätzlich etwas schief in der heutigen Unternehmenskultur?

Dass gerade in den Chefetagen von Grossunternehmen ein rauer Wind weht, ist kein Geheimnis. Der Druck ist gross, die Verantwortung ebenfalls. Läuft etwas schief, werden Schuldige gesucht, Rücktritte gefordert und realisiert. Manche halten die Belastung nicht aus. Die genauen Gründe für einen Suizid in der Chefetage bleiben jedoch meist im Dunkeln.

Das Mitleid für solche Top-Kader ist oft an einem kleinen Ort. Wer nach Macht und Geld strebe, müsse halt auch einstecken können. Zudem litten in der heutigen Unternehmenskultur vor allem auch die kleineren Mitarbeiter. Der Druck werde weitergegeben.

Wie steht es um das Wohlbefinden in der Arbeitswelt? Läuft etwas schief? Der «Club» versucht den Mechanismen auf die Spur zu kommen, welche Menschen dazu bewegt, zu solch extremen Mitteln wie Suizid zu greifen. Und die Gäste diskutieren darüber, wie Unternehmen mit ihren Mitarbeitern umspringen, beziehungsweise umgehen müssten, damit Freitod-Schlagzeilen ausbleiben.

Es diskutieren:

Evelyne Coën, selbständige Beraterin von Top-Managern, Cross-Roads
Karin Lenzlinger, Unternehmerin, Lenzlinger Söhne AG
Rudolf Wötzel, ehemaliger Top-Banker, Coach und Gastwirt
Gerhard Fatzer, Organisationswissenschaftler, Coach, TRIAS
Reiner Eichenberger, Professor für Politische Ökonomie

Positionen:

Karin Lenzlinger: «Führung heisst für mich ganz einfach: Man muss Menschen mögen. Dies ist als Grundvoraussetzung zu verstehen, damit die wichtigen unternehmerischen Entscheidungen gefällt werden können.»

Gerhard Fatzer: «Eine gute Unternehmenskultur ist eine Kultur des Helfens und des Unterstützens. Ein Manager kann dies nur im Unternehmen lernen.»

Evelyne Coën: «Ich berate Frauen und Männer, die an einem Arbeitsklima leiden, in welchem der Mensch primär Kostenfaktor ist oder ein möglichst ausführender, stiller Dulder. Geprägt von diesen Anforderungen wird selbständiges Denken unmöglich. Es sei denn man riskiert seine Position.»

Rudolf Wötzel: «Bei aller Tragik einzelner Schicksale: Wer kann die Firmenkultur prägen, wenn nicht die Unternehmensleiter? Das heisst: Verantwortung für den nachhaltigen Einsatz von Mitarbeitern übernehmen, aber auch Eigenverantwortung in der Gestaltung des eigenen Lebens.»

Reiner Eichenberger: «Suizide von Managern stehen in der Zeitung, jene der vielen Angestellten nicht! Trotzdem, darf man sagen, der Manageralltag ist hart: Er hat einen 24-Stunden-Job, muss mobil sein, hat keine normale Familienarbeitsteilung, ist Intrigen und internen Kämpfen ausgesetzt. Die Zeiten, in denen ein Manager nach dem Mittagessen noch einen «Wein trinken» und in Gesellschaft sein konnte, sind vorbei, da bereits die nächste Telefonkonferenz ansteht.»

Beiträge

  • Thomy Scherrer stellt seine Gäste vor:

    Der «Club» wirft einen Blick in den Alltag von Topmanagern. Wie viel Einfluss kann der Mann oder die Frau an der Spitze auf die Unternehmenskultur nehmen? Welchen Zwängen ist man ausgesetzt, bzw. lässt man sich aussetzen und muss sich etwas ändern?

  • Rudolf Wötzel, Coach, ehem. Investmentbanker

    Unregelmässige Arbeitszeiten, um vier in der Früh nach London fliegen, interessante Projekte, das Managen von Menschen aus unterschiedlichsten Organisationen, ein hoher intellektueller Anspruch. Seine Arbeit als Investmentbanker sei ein ständiger Adrenalinrausch gewesen. Ein 24-Stunden-Job?

  • Gerhard Fatzer, Organisationswissenschaftler

    In der gängigen Vorstellung ist der Geschäftsführer der Mann an der Spitze, der alles weiss und alles zusammenhält. In Wirklichkeit verhält es sich aber ganz anders, sagt Gerhard Fatzer:

  • Reiner Eichenberger, Professor für politische Ökonomie

    Der Druck auf Topmanager ist vielfältig und gross. Das Stichwort Verantwortung fällt. Hier widerspricht Reiner Eichenberger, es gehe beim Stress, den Manager erfahren nicht primär um Verantwortung:

  • Evelyne Coën, Beraterin von Topmanagern

    Wenn Topmanager zu Evelyne Coën in die Beratung gehen und ihren Werdegang analysieren, finden die Topkader für sich selbst mitunter harte Worte:

  • Karin Lenzlinger, Unternehmerin

    It is lonely at the top, heisst es immer wieder. An der Spitze ist es einsam. Bauunternehmerin Karin Lenzlinger bestätigt dies und erzählt vom Vorteil, dass sie sich in ihrer Zeit als CEO jeweils mit ihrer Schwester, die im Verwaltungsrat der Firma sass, austauschen konnte:

Mehr zum Thema