Religion: Toleranz ohne Grenzen?

  • Dienstag, 12. Juli 2016, 22:20 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 12. Juli 2016, 22:20 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 13. Juli 2016, 2:30 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 13. Juli 2016, 8:40 Uhr, SRF info
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    • Samstag, 16. Juli 2016, 15:25 Uhr, SRF info

Ein verweigerter Händedruck zweier muslimischer Schüler mit der Lehrerin, kein Schullager oder Schwimmunterricht für muslimische Mädchen: Einmal mehr prallen damit Kulturen und Religionen aufeinander. Wie viel Anpassung und Toleranz braucht es? Oder gilt bei uns die Null-Toleranz ?

Die beiden muslimischen Schüler an der Sekundarschule Therwil (BL) verweigern nach wie vor den Händedruck mit ihrer Lehrerin, trotz Androhungen von Sanktionen durch die Schulbehörden. Nach Gesprächen und Ermahnungen stehen für die Schüler drei Sanktionen zur Debatte: Bussen von bis zu 5000 Franken, ein längerer Schulverweis oder sogar ein definitiver Schulausschluss.

Der Händedruck zwischen Mann und Frau ist nicht das einzige, welches für Konfliktstoff führt: Weil sie die Schulpflicht verletzten und weder ins Schullager noch in den Schwimmunterricht gingen, wurden jüngst zwei Mädchen in Basel nicht eingebürgert.

Etwa jeder zwanzigste Einwohner der Schweiz gehört dem Islam an. Und immer wieder ecken Muslime in der schweizerischen Gesellschaft an. Schnell ist von Integrationsverweigerung die Rede. Gekontert wird mit dem Vorwurf, andere Kulturen und Religionen nicht genügend zu respektieren.

Wie weit darf und soll Religionsfreiheit gehen? Gibt es Mittelwege für unser Zusammenleben oder nur noch unüberbrückbare Differenzen? Und wo hört die Toleranz auf?

Unter der Leitung von Thomy Scherrer diskutieren im «Club»:

Bilkay Öney, ehemalige deutsche Landesministerin für Integration
Janina Rashidi, Muslimin, Konvertitin, Sprecherin Islamischer Zentralrat Schweiz (IZRS)
Farhad Afshar, Präsident Koordination der islamischen Organisationen der Schweiz (KIOS)
Valentin Abgottspon, Atheist und Humanist, Lehrer, Vize-Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz
Norbert Bischofberger, Religionsexperte SRF, Theologe

Positionen

Bilkay Öney: «Falls es einen Kampf der Kulturen überhaupt gibt, dann hätten die reaktionären Muslime, die ins Mittelalter wollen, längst verloren.»

Janina Rashidi: «Die Grenzen der Toleranz sind dort erreicht, wo die Freiheit des Einen die des Anderen einschränkt. Blosses Missfallen oder Unverständnis einem Mitmenschen gegenüber, liegen jedoch nicht in einer eben solchen Einschränkung begründet, sondern stellen vielmehr genau die Augenblicke dar, in denen sich zeigt, ob Toleranz nicht nur eine blosse Worthülse, sondern gelebte Maxime, ist.»

Farhad Afshar: «Die Grussformen sollte man nicht per Gesetz vorschreiben, erinnern wir uns an den Fall Gessler in der Schweizer Geschichte.»

Valentin Abgottspon: «Wir brauchen als Reaktion gegen religiöse Fundamentalisten eine noch stärkere Trennung von Kirche und Staat und müssen vor allem Menschenrechte vorleben. Es wäre ein Fehler, als Gesellschaft wieder religiöser zu werden.»

Norbert Bischofberger: «Die Situation mit dem Fall Therwil ist aufgeheizt, die muslimische Gemeinschaft steht unter Generalverdacht. Sie sind jetzt gefordert und müssen einen Schritt tun. Aber auch wir als Gesellschaft sollten eine offene Haltung einnehmen.»

Beiträge

  • Thomy Scherrer stellt die Gästerunde vor.

    Zeichen der nicht vorhandenen Religionsfreiheit und Toleranz gegenüber dem Islam oder mangelnder Wille zur Integration? Es diskutieren Muslime, ein Atheist und ein Theologe.

  • «Es gibt keine rechtliche Pflicht, jemandem die Hand zu geben.»

    Bilkay Öney, ehemalige deutsche Landesministerin für Integration von Baden Württemberg, sieht bei der Verweigerung des Handschlags kein rechtliches Problem, sondern eine Frage des Umgangs, der Achtung und des Respekts. In Deutschland würden zum Beispiel orthodoxe Rabbiner Frauen die Hand auch nicht geben. Bei Muslimen rege man sich in solchen Fällen offenbar schneller auf.

  • «Die Toleranz gegenüber dem Islam wird nicht gelebt.»

    Janina Rashidi, Muslimin, Konvertitin, Sprecherin des Islamischer Zentralrats Schweiz (IZRS), begleitet die beiden jungen muslimischen Männer von Therwil als Beraterin. Sie erklärt, warum sie bewusst auf den Handschlag mit Männern verzichtet. Mit Respektlosigkeit habe das gar nichts zu tun.

  • «Auch Wilhelm Tell hat den Hut von Gessler nicht gegrüsst!»

    Farhad Afshar, Präsident der Koordination der islamischen Organisationen der Schweiz (KIOS), plädiert für eine bessere Mediation, für eine bessere Vermittlung von Wissen. Nur so könnten Missverständnisse zwischen den Kulturen und Religionen ausgeräumt werden.

  • «Fast alle Religionen haben ein Frauenproblem!»

    Valentin Abgottspon, Atheist und Humanist, Lehrer, Vize-Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, warnt davor, mit dem Handschlag-Problem in eine Märtyrer-Falle zu tappen. Die zwei Jugendlichen von Therwil würden sonst am Schluss als Opfer dastehen.

  • «Es braucht eine offene Haltung von uns allen.»

    Norbert Bischofberger, Religionsexperte SRF, Theologe, bedauert die aufgeheizte Situation rund um die Ereignisse der Therwiler Schüler. Es sei jetzt Aufgabe der muslimischen Gemeinschaft, einen Schritt zu tun, damit die Angst vor Radikalismus und Separatismus nicht grösser werde.

  • Zusammenfassung des Falles «Therwil» (BL)

    Zwei muslimische jugendliche Schüler verweigern ihrer Lehrerin aus religiösen Gründen den Handschlag zur Begrüssung. Eine kurze Berührung zwischen zwei Menschen, die weltweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Die Behörden entschieden sich für einen Handschlagszwang, unter Androhung von Sanktionen.

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