Saisonniers: Das Trauma der «verbotenen Kinder»

  • Dienstag, 27. Mai 2014, 22:20 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Dienstag, 27. Mai 2014, 22:20 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Mittwoch, 28. Mai 2014, 1:40 Uhr, SRF 1
    • Mittwoch, 28. Mai 2014, 11:00 Uhr, SRF info
    • Donnerstag, 29. Mai 2014, 4:05 Uhr, SRF 1
    • Donnerstag, 29. Mai 2014, 12:40 Uhr, SRF info

Klingelte es, mussten sie sich verstecken, durften weder draussen spielen, noch zur Schule. In ständiger Angst vor Ausweisung lebten tausende Saisonnierskinder illegal in der Schweiz. Die Isolation hat Wunden hinterlassen. Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative könnte sie wieder aufreissen.

Weil der Familiennachzug für die Saisonniers in der Schweiz verboten und auch für die meisten Jahresaufenthalter praktisch unmöglich war, standen sie vor der Entscheidung: entweder die Kinder «am Telefon aufwachsen» hören - oder sie mitnehmen und in ständiger Angst vor Denunziation vor den Behörden «im Schrank verstecken» oder aber sie ungeachtet des Trennungschmerzes, in der Heimat zurücklassen bzw. dorthin wegschicken.
In den Siebziger-Jahren sprach man von ungefähr 15'000 illegal in der Schweiz lebenden Saisonnierkindern. Das sind allerdings grobe Schätzungen, weil sie sich illegal in der Schweiz aufhielten und statistisch gar nicht erfasst waren.

1934 wurde in der Schweiz das Saisonnierstatut eingeführt. Ausländerinnen und Ausländer wurden je nach wirtschaftlichem Bedarf ins Land geholt. Die Armut zwang sie, ihre Heimat zu verlassen. Die Saison dauerte jeweils neun Monate. Auf neun Monate Arbeit in der Schweiz folgten drei Monate Pause in der Heimat, in Erwartung eines neuen Vertrages.
Auf Druck von Seiten ausländerfeindlicher Bewegungen legte die Eidgenossenschaft ab 1963 für jeden Kanton ein fixes Kontingent an Saisonniers fest. Für die ausländischen Werktätigen war es wichtig, sich vom Saisonnierstatut zu befreien: Nur so erhielten sie unter bestimmten Voraussetzungen das Recht auf Familiennachzug. Der Weg zu diesem Recht war jedoch mit vielen, teils willkürlichen Hindernissen belegt.

Jahrelang wurde die Existenz illegal in der Schweiz lebender Kinder von offizieller Seite ignoriert. Erst 1991 trat UNICEF zum ersten Mal mit dem Thema an die Öffentlichkeit und löste ein aufwühlendes Medien-Echo aus. Was sich in den Geschichten dieser Kinder und ihren Eltern offenbarte, war ein humanitärer Skandal, der sich tagtäglich, nebenan, mitten unter uns ereignet hatte und im Umfeld der heutigen Pflegerinnen aus dem Osten oder der Sans Papiers noch immer stattfindet.
Mit der jüngsten Volksabstimmung «Gegen die Masseneinwanderung» und der Forderung nach der Wiedereinführung von Saisonnierstatut und Familiennachzugsverbot ist die Problematik zusätzlich wieder in der politischen Diskussion. Die Betroffenen befürchten, dass ihre Vergangenheit zurückkehren könnte.

Was macht eine solche Situation mit einer Familie, und wie findet man trotzdem seinen Weg? Wie eine kaum wahrnehmbare Barriere begleitet diese schwierige Entscheidung noch heute viele Eltern, die unter grossen Schuldgefühlen leiden. Und sie begleitet viele Kinder, die mittlerweile erwachsen, aber traurig und von Groll erfüllt sind.
Und vor allem: Ist die Schweiz mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative auf dem besten Weg dazu, dieses düstere Kapitel Schweizer Geschichte zu wiederholen? «Im Club» mit Karin Frei erzählen ehemalige «verbotene Kinder» und diskutieren mit Experten und SVP- und SP-Politikern.

Die Gäste:

Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin Unicef Schweiz, Sonderpädagogin
Heinz Brand, SVP-Nationalrat, Experte Ausländer- und Asylrecht, ehem. Präsident Vereinigung der kantonalen Fremdenpolizeichefs
Ulrich Schlüer, Historiker, ehem. SVP-Nationalrat
Paul Rechsteiner, SP-Ständerat, Gewerkschafter, Rechtsanwalt
Marina Frigerio, Expertin ital. Migranten, Buchautorin, Psychologin
Catia Porri, Fotografin, ehem. verstecktes Saisonniers-Kind

Beiträge

  • Karin Frei mit ihren Gästen

    Moderatorin Karin Frei stellt die Gesprächsrunde vor:

  • Elsbeth Müller

    Kinder versteckten sich in den 60er Jahren wie die sieben Geisslein, als der Wolf kam:

  • Catia Porri

    Meine Kindheit im Versteck:

  • Ulrich Schlüer

    Wie sich der ehemalige SVP-Gemeinderat im Konflikt zwischen Saisonnier-Statut und den menschlichen Schicksalen zurecht fand:

  • Paul Rechsteiner

    Warum das Saisonnier-Statut aus der Optik des Gewerkschafters menschenfeindlich war:

  • Heinz Brand

    Aus den Fehlern der Vergangenheit will der SVP-Nationalrat lernen:

  • Marina Frigerio

    Keine technokratischen Entscheide ohne den Betroffenen in die Augen zu schauen, fordert die Psychologin:

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