Mein Körper – mein Werk

  • Donnerstag, 7. Januar 2016, 20:05 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 7. Januar 2016, 20:05 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Freitag, 8. Januar 2016, 1:45 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 8. Januar 2016, 11:15 Uhr, SRF 1

Nie waren junge Menschen sportlicher als heute. Muskelaufbau hat sich zu einer Art Religion entwickelt, Ergänzungsnahrung und definierte Körperpartien sind deren Gebet. Doch der Körperkult kann auch krank machen. Wie befeuern Social Media den Selbstdarstellungszwang?

Ein Film von Hanspeter Bäni

Für Jenny Dietschweiler, 22, ist der Körper zum Vollzeitjob geworden. Jede Kalorie hat bei der gelernten Pharmaassistentin Gewicht, fast alles dreht sich um den «Nullfettkörper» und um Fitness. Aus ihrem Äusseren will sie ein Kunstwerk gestalten, um dieses an einem Schönheitswettbewerb für Kraftsportler präsentieren zu können. Dafür ist ihr kein Aufwand zu gross. Sie vergiesst ihren Schweiss in einer Fitnessanlage, geht das Risiko von Übertraining ein und nimmt Schmerzen beim Stechen von Tattoos in Kauf. Jenny ist mit ihrem Körperkult längst keine Exotin mehr, sondern entspricht einem neuen Schönheitsideal vieler junger Menschen.
Kathy Fleig, Inhaberin eines der grössten Fitnesszentren der Schweiz in Zürich Schlieren, spricht von «Heerscharen von Jungen, die heute ins Training gehen».

Die Statistiken bestätigen den Boom: Rund die Hälfte aller Schweizer Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren betätigt sich mehrmals pro Woche sportlich. Im Rahmen der Studie «Sport Schweiz» (2008) gab fast die Hälfte der jungen Menschen an, dass ihr Trainingsaufwand höher sei als in jüngeren Jahren.
Gleichzeitig kommt eine neue Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft zum Schluss, dass bei Jugendlichen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wächst. Die jungen Männer wünschen sich mehr Muskeln, die Mädchen fühlen sich zu dick. Das kann im Extremfall bis zu Essstörungen und Depressionen führen.

Muskelauf- und Fettabbau ist auch der Lebensinhalt von Alessandro Stambene. Sein «Lifestyle» hat bereits zwanghafte Züge angenommen. Geplante Ruhetage kann er kaum einhalten, und gemeinsame Mahlzeiten mit seiner Familie sind selten, weil sich der 20-Jährige gezwungen fühlt, einen strikten Ernährungsplan mit starren Essenszeiten einzuhalten. Unter anderem verzichtet er auf Salz, weil dieses im Körper Wasser einlagere und ihn dadurch aufschwemme. Viele Männer wollen den erhöhten Ansprüchen der Frauen genügen, die einen schönen und fettfreien Körper verlangen würden, sagt der junge Mann.

Bei Miguel Bieger türmen sich daheim zahlreiche Dosen mit Ergänzungsnahrung. Der 22-Jährige will damit seinen Muskelaufbau optimieren. Für das Ziel eines perfekten Körpers schreckte er auch schon vor dem Griff zu illegalen Substanzen nicht zurück.

Jenny, Alessandro und Miguel stehen für eine ganze Generation junger Menschen, die mit Bizeps, Brustmuskeln und breitem Kreuz imponieren, um letztendlich mehr Selbstsicherheit zu gewinnen. Wie nachhaltig ist diese Selbstsicherheit?

Autor: Hanspeter Bäni
Kamera: Hanspeter Bäni, Ueli Haberstich
Schnitt: Sabrina Inderbitzi
Musik: Martin Villiger
Produktionsverantwortung: Monika Zingg
Redaktion: Belinda Sallin
Leitung: Marius Born

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46 Kommentare

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    • , Zermatt

      Sonntag, 07.02.2016, 17:49

      Bodybuilding wird leider immernoch als eher negativ, von testogesteuerten Individuen praktiziert, dargestellt. Kenne auch junge Männer, die im Studium erfolgreich sind, gerade weil ein ausgewogenes, regelmässiges Training viel Disziplin und Organisation fordert. Andere Sportarten -Marathon, Skialpinismus etc haben auch Suchtpotential. Hört auf, überall das Negative hervorzuheben und zu schubladisieren. Sehr verstaubte Meinung, Bodybuilding mit bildungsferner Gesellschaftsschicht zu vergleichen.

    • , Fribourg

      Donnerstag, 14.01.2016, 19:12

      Spannend ist, dass diese Fitnesssüchtigen fasst immer aus einer bildungsferneren Gesellschaftsschicht stammen. Schau ich mich in meinem Umfeld um, das hauptsächlich aus Akademikern besteht, so ist dieser Fitnesswahn hier kaum zu beobachten. Offenbar versuchen diese Menschen ihre Unbildung so zu kompensieren.. Sehr traurig.

      • , Winterthur

        Sonntag, 26.06.2016, 19:29

        Das ist eine äusserst pauschalisierende und schlicht falsche Antwort, gerade wenn man bedenkt, dass gerade in Unis oder Fachhochschulen den Studenten gratis top moderne Fitnessräume angeboten werden. Die Doku von SRF pickt sich - symptomatisch für das Format - Extrembeispiele raus und verallgemeinert diese zur Norm. Der sogenannte Fitnesswahn hat mit einer momentan beobachtbaren Verschiebung der Wahrnehmung des eigenen Körpers und der Gesundheit zu tun, Bildungsniveau-übergreifend.

    • , Uster

      Dienstag, 12.01.2016, 13:23

      Klar werden die extremen Beispiele hier gezeigt, ich finde auch dass das nötig. Viele Sportler arbeiten mit gefährlichen, illegalen Mitteln und es gibt noch genug Menschen, die das nicht realisieren und glauben so ein Körper käme "nur" mit hartem Training. Finde ich gut, dass dies hier angesprochen wird! Es gibt genug Trugbilder überall. Als Personal Trainerin weiss ich, dass es auch anders geht, im Training sollte die Gesundheit an erster Stelle stehen!