«Übergewicht ist schlimm»

Übergewichtige haben nicht nur eine kürzere Lebenserwartung, sie leiden auch häufiger an Depressionen und werden sozial diskriminiert. Wieso werden Menschen überhaupt dick? Und wie kommt es zum Jojo-Effekt? Ein Interview mit Philippe Beissner, leitender Arzt am Diabetes-Adipositas-Zentrum in Zürich.

Ein Paar mit Übergewicht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Übergewicht ist eine Epidemie Keystone

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Zur Person

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Philipp Beissner leitet seit 2011 das Diabetes-Adipositas-Zentrum Zürich mehr...

SRF DOK: Warum wird man eigentlich dick?

Philippe Beissner: Die Ursache für Übergewicht und die weltweit beobachtete Übergewichtsepidemie in den letzten Jahren, ist nicht vollständig aufgeklärt. Es ist nicht nur die Veränderung des Essens und der Bewegung, die alles erklären würde.

Es gibt aber eine Reihe von bekannten Faktoren: Das Körpergewicht wird durch das Stammhirn reguliert, nicht durch das Grosshirn. Das heisst, der Körper regelt das Gewicht so, wie er die Körpertemperatur, den Blutdruck oder die Atemtätigkeit kontrolliert. Das ist kein willentlicher Entscheid. Verschiedene Faktoren stören diese Feineinstellung oder Regulation des Körpergewichts. Das heisst, eine veränderte Nahrungsbeschaffenheit mit industriell hergestellter Nahrung, aber auch Umweltgifte oder Medikamente, haben einen Einfluss auf das Körpergewicht.

Ausserdem gibt es eine Neigung zur Gewichtszunahme je nach Vererbung und wie der Energiestoffwechsel programmiert ist. Und diese Programmierung entsteht bereits im Mutterleib während der Schwangerschaft. All diese Faktoren können zu einer übermässigen Gewichtszunahme während des ganzen Lebens führen.

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«DOK» am Mittwoch

«Runter mit den Kilos – Abnehmen nach Regeln und Punkten», 11. Januar 2017, 22:55 Uhr, SRF1.

Ist Übergewicht nicht auch ein Zeichen unserer Überflussgesellschaft?

Ja. In den westlichen Ländern gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen der Zunahme des Körpergewichts und der Überflussgesellschaft. Wie genau der Mechanismus funktioniert, ist weniger klar. Wir sehen aber auch eine rasante Zunahme des Übergewichts in Entwicklungsländern, wo sich Hunger und Übergewicht parallel entwickeln, auch wenn dort noch keine Überflussgesellschaft herscht, wie wir sie kennen.

Gibt es Diäten, von denen sie sagen würden, die wirken 100 Prozent?

Nein, selbstverständlich nicht. Im Prinzip funktioniert keine Diät, denn diese ist eine vorübergehende Ernährungsmassnahme. Eine Diät funktioniert, so lange man sie einhält. Und die beste Diät ist die, die man am längsten einhalten kann. Schliesslich helfen nur Veränderungen des Lebensstils, die man ein Leben lang aufrechterhalten kann.

Wer also eine Diät startet, muss sie ein Leben lang einhalten, sonst kommt das Übergewicht mit dem Jojo-Effekt wieder zurück?

Das Körpergewicht ist reguliert, das heisst, der Körper wird immer versuchen, mit aller Gewalt zu seinem Maximalgewicht zurückzukehren. Denn eine Gewichtsabnahme wird vom Körper prinzipiell als Bedrohung wahrgenommen, denn er könnte verhungern. Alle Massnahmen, die das Gewicht senken, bringen das Gewicht zurück, wenn sie eingestellt werden. Das heisst, es ist völlig sinnlos, sechs Monate zu leiden, wenn das Gewicht nachher wieder zurückkommt. Das bringt viel Frustration – ohne Resultate.

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«Übergewicht ist schlimm» – Interview mit Philippe Beissner

9:31 min, vom 11.1.2017

Fast jeder hat schon so seine Erfahrungen mit Diäten gemacht:

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