Vom Schattenkind zum Erfolgsautor

  • Donnerstag, 19. Januar 2017, 20:05 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Donnerstag, 19. Januar 2017, 20:05 Uhr, SRF 1
  • Wiederholung:
    • Freitag, 20. Januar 2017, 1:45 Uhr, SRF 1
    • Freitag, 20. Januar 2017, 11:15 Uhr, SRF 1

In der Schweiz wurden bis in die 80er-Jahre Kinder aus zerrütteten Familien nicht als schutzbedürftig angesehen. Gewalt prägte den Alltag dieser Kinder. «DOK» begleitet den Autoren Philipp Gurt auf seiner Spurensuche nach seiner schmerzhaften Kindheit für seine Autobiografie «Schattenkind».

Ein Film von Barbara Miller

Philipp Gurt wurde als siebtes von acht Kindern in eine arme Bergbauernfamilie geboren. Als er vier Jahre alt war, floh die Mutter vor dem im Alkoholrausch gewalttätigen Vater ins Ausland und überliess die acht Kinder ihrem Schicksal. Philipp und seine Geschwister wurden von den Behörden als «Waisenkinder» in verschiedene Heime gebracht. Einsamkeit, Gewalt und Missbrauch prägten von da an Philipps Kindheit. Einzig in der Natur fand der einsame Junge Trost und Hoffnung.

Mit 6 Jahren kam Philipp ins Churer Waisenhaus, wo sich der Heimleiter damit brüstete, diesen «schweren Fall» durch Züchtigung auf den richtigen Weg zu bringen. Eine Erzieherin nahm sich dem kleinen Philipp an. Doch nach vier Wochen begann sie mit den ersten sexuellen Übergriffen. Die Vermischung von Fürsorge und sexuellem Missbrauch gehörten für den kleinen Jungen für die nächsten sechs Jahre zu seinem Alltag. Weitere Betreuerinnen beteiligten sich an den Missbräuchen. Und auch Übergriffen von Männern war Philipp ausgesetzt. Erst mit zwölf Jahren gelang es ihm, sich erstmals gegen die Übergriffe zu wehren. Doch die Gewalt und der Missbrauch hinterliessen tiefe Spuren.

Als Teenager fand Philipp erstmals einen Weg, um mit der erlebten Gewalt und dem Missbrauch umzugehen: er begann Gedichte zu schreiben, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es folgten Kurzgeschichten und seine ersten Romane. Vor drei Jahren hat Philipp in einer Therapie begonnen, sich mit der Aufarbeitung des erlebten Kindsmissbrauchs intensiv zu beschäftigen und seine Lebensgeschichte in der Autobiografie «Schattenkind» aufzuschreiben. «DOK» begleitete den Autor während einem Jahr bei seiner aufwühlenden Spurensuche an die Orte seiner Kindheit.

Laut Studien leiden 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter sexuellen Übergriffen, doch Fachleute vermuten, dass die Dunkelziffer viel höher ist. Aus Schuldgefühlen und Scham wagen viele der Betroffenen ihr ganzes Leben lang nicht darüber zu sprechen. Besonders tabuisiert sind Übergriffe, welche von Frauen verübt werden. Fachleute gehen davon aus, dass dies schätzungsweise 10 Prozent der Missbrauchsfälle betrifft.

Philipp Gurt versucht, die Schatten seiner Vergangenheit nicht zu verstecken, sondern offen darüber zu sprechen. Auch um anderen, die Ähnliches erlebt haben, eine Stimme zu verleihen.

Behutsam begleitet die Dokfilmerin Barbara Miller einen mutigen Menschen, der in seinem Leben viel Erschütterndes erlebt hat, seinen Lebenswillen und seine Lebensfreude dank der Entdeckung der eigenen Kreativität aber nicht verloren hat. Der Film zeigt eine aussergewöhnliche Lebensgeschichte, die trotz allen Abgründen, Hoffnung gibt und allen Betroffenen Mut machen soll.

Autorin: Barbara Miller
Kamera: Matthias Gruic
Ton: Peter Conrad
Schnitt: Angelo Prinz
Produktionsverantwortung: Monika Zingg
Leitung: Belinda Sallin

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