E-Zigaretten im Test: So gefährlich sind sie wirklich

Zigaretten, die nicht stinken und der Gesundheit weniger schaden. Dies versprechen Anbieter von elektrischen Zigaretten. «Kassensturz» wollte es genauer wissen und hat den elektrisch erzeugten Dampf im Labor auf Giftstoffe hin untersuchen lassen – mit überraschendem Ergebnis.

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E-Zigaretten im Test: So gefährlich sind sie wirklich

15 min, aus Kassensturz vom 29.4.2014

Rund 80‘000 Menschen greifen in der Schweiz regelmässig zur elektrische Zigarette – Tendenz steigend. Die Konsumenten benötigen dazu ein Dampfgerät und aromatisierte Flüssigkeit. Im Dampfgerät wird das Liquid durch eine batteriebetriebene Heizspirale erwärmt. Durch das Kondensieren im Mundstück entsteht der Dampf. Liquids gibt es inzwischen in unzähligen Geschmacksrichtungen, von Tabakgeschmack bis Erdbeer, mit und ohne Nikotin (mehr dazu hier).

«Kassensturz» hat zusammen mit der Westschweizer Partnersendung «A Bon Entendeur» zehn der meistverkauften Liquids mit Nikotin in einem spezialisierten Labor untersuchen lassen. Die chemische Analyse zeigt: Bei der Verdampfung der Liquids entstehen krebserregende Stoffe. Zum Beispiel: Formaldehyd, Acetaldehyd aber auch Acrolein, Crotonaldehyd oder Aceton (siehe auch Testtabelle).

So wurde getestet:

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Testtabelle

Testtabelle

Die detaillierten Testresultate finden Sie hier.

Das auf Aldehyd-Giftstoffe spezialisierte Labor Certech in Belgien liess mechanisch Dampf aus der elektrische Zigarette ansaugen. Ein Dampfstoss von drei Sekunden entspricht einem menschlichen Atemzug. Zwischen den einzelnen Dampfstössen schaltete das Labor immer 30 Sekunden Pause ein, damit die elektrische Zigarette nicht überhitzte.Der Dampf wurde in Basenflüssigkeit geführt und die darin eingefangenen Giftstoffe daraufhin analysiert.

Das Labor testete alle Liquids mit zwei verschiedenen Dampfgerät-Modellen: Einerseits mit dem Modell «eGo-CC» von Joyetech und anderseits mit dem Modell «EVOD» von Kangertech. Je nach Gerät entfalten die Liquids verschiedene Mengen an Giftstoffen. Der Test lässt aber keine Schlüsse darauf zu, wonach ein Gerät weniger Giftstoffe produzieren würde als das andere. Unter dem Strich kommt es also nicht darauf an, welches Gerät zum Dampfen eingesetzt wird.

Krebserregende Giftstoffe

«Es überrascht, dass man Giftstoffe wie Formaldehyd und Acetaldehyd im Dampf der E-Zigarette finden kann», sagt Michael Arand, Toxikologe an der Universität Zürich, und präzisiert: «Das sind Verbindungen, die wir auch aus dem Tabakrauch kennen, und die dort zur krebserregenden Wirkung von Zigaretten mit beitragen können.» Laut dem Toxikologen entstehen die Giftstoffe durch die Erwärmung von Glycerin und Propylenglycol, den beiden Grundstoffen aus denen der Dampf der elektrischen Zigarette entsteht. Zudem könnten auch in den Aromen Giftstoffe enthalten sein.

Allerdings: Tabakzigaretten weisen weit höhere Schadstoffmengen auf. Zum Vergleich: Die Formaldehydwerte sind in einer herkömmlichen Tabak-Zigarette bis zu 60 Mal höher. Und beim Acetaldehyd ist die Belastung im Tabakrauch gar bis 1000 Mal grösser.

Ungenügende Wissensbasis

Eine negative Ausnahme bildet das Liquid «Tiki Juice» des französischen Herstellers Halo. Sein Dampf ist mit 73,8 Mikrogramm Crotonaldehyd belastet. Alle anderen Produkte im Test weisen nur sehr geringe bis unmessbar kleine Mengen Crotonaldehyd aus. Und auch in einer Tabakzigarette hat es maximal nur halb so viel Crotonaldehyd.

«Crotonaldehyd ist ein Giftstoff, den ich persönlich für bedenklicher halte als Formaldehyd oder Acetaldehyd», hält Toxikologe Michael Arand fest. Dass in einem Produkt besonders viel davon gefunden worden ist, sei ein guter Indikator dafür, dass die gefundene Menge an Giftstoffen in einem Produkt keine Rückschlüsse auf andere Liquids zulasse: «Über viele potenziell bedenkliche Stoffe in diesen Liquids wissen wir gar nichts. Dem Konsumenten fehlt demzufolge die nötige Wissensbasis für die Wahl eines möglichst ungefährlichen Produktes.»

Keine Raucherlunge

Alle getesteten Liquids enthalten Giftstoffe in unterschiedlicher Konzentration. Deshalb ist es nicht möglich, zu sagen, welches Liquid am schädlichsten ist. Klar ist aber: Herkömmliche Zigaretten produzieren bei ihrer Verbrennung Teer und Kohlenmonoxid, was zur gefürchteten Raucherlunge führen kann. Diese Gefahr fällt bei der elektrischen Zigarette weg, sagt der Toxikologe.

Das Labor in Belgien hat auch den Nikotingehalt in den Liquids untersucht. Es zeigt sich: Die Hersteller deklarieren das Nikotin mehrheitlich korrekt. Allerdings bereitet gerade die Menge an Nikotin in den Fläschchen dem Giftstoffexperten sorgen: «Nikotin ist ein starkes Gift. Und bedauerlicherweise wird es sehr gut über die Haut aufgenommen», so der Professor der Uni Zürich. Wenn beim Umfüllen, oder bei anderen Manipulationen mit den Liquidfläschchen ein Unfall geschieht oder ein Fläschchen zerbricht und die Flüssigkeit über die Haut läuft, sei es durchaus möglich, dass viel mehr Nikotin in den Körper gelange, als das durch das Konsumieren von einer oder mehrerer Zigaretten der Fall wäre. «Es könnte zu einer regelrechten Nikotinvergiftung kommen», warnt Michael Arand.

Fazit: E-Zigi gesünder als Tabak

All diesen Bedenken zum Trotz: Der Giftstoffexperte zieht ein klares Fazit: «Im direkten Vergleich würd ich sagen, bei normalem Konsum ist die E-Zigarette mit grosser Wahrscheinlichkeit wesentlich weniger gesundheitsgefährdend als die Tabakzigarette.» Ohne aber im gleichen Atemzug nicht auch zu betonen: «Ich würde aber auf jeden Fall raten, weder zu dampfen noch rauchen.»