Aufruhr bei Minibar-Personal: SBB-Tochter schikaniert Mitarbeiter

Minibar- und Speisewagen-Mitarbeiter arbeiten unter stetem Verdacht, ihre eigene Firma zu betrügen. Angestellte der SBB-Tochter Elvetino reden gegenüber «Kassensturz» von schikanösen Kontrollen, Angst vor Vorgesetzten und übermässig viel Druck. Die SBB Personenverkehrschefin zeigt sich betroffen.

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Aufruhr bei Minibar-Personal: SBB-Tochter schikaniert Arbeiter

17 min, aus Kassensturz vom 2.2.2016

Unter den Elvetino-Mitarbeiter brodelt es. «Kassensturz» trifft sich mit mehreren Elvetino-Mitarbeitenden. Sie beschreiben ein Klima der Angst. Die Arbeitsbedingungen hätten sich in den letzten Jahren massiv verschlechtert. Schlechte Löhne und überlange Arbeitszeiten sind für viele Realität. Auch langjährige Mitarbeiter fühlen sich zudem von ihren Vorgesetzten schikaniert. Die Mitarbeiter fühlen sich vor allem durch das neue «Strafpunkte-System» unfair behandelt.

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Die Bahngewerkschaft ist verärgert über die Abschaffung der Minibar und fürchtet Entlassungen. Sie klagt gegen die SBB. Zum «Espresso»-Beitrag

Zum Beispiel Olivier. Er arbeitet seit über zwölf Jahren als Minibar-Kellner. Der Familienvater manövriert täglich den über 100 Kilo schweren Karren mit Getränken, Sandwiches, Snacks und Kaffeemaschine durch die engen Gänge der SBB-Züge. Nun hat ihm Elvetino gekündigt, weil er oft gegen die Uniformvorschriften verstossen habe. «Wir werden behandelt wie Kriminelle. Ich muss immer beweisen, dass ich kein Dieb bin.»

Klima der Angst

Neben Olivier wagen es noch andere, sich vor der Kamera – in anonymisierter Form – zu äusseren. Carmen beschreibt ein Klima der Angst: «Die Vorgesetzten unterdrücken uns mit der Art, wie sie uns kontrollieren.»

Kontrollen seien wichtig und nötig, sagt Carmen, die seit sieben Jahren für Elvetino im Speisewagen arbeitet. Wenn man sich aber vor den direkten Vorgesetzten fürchte, diene das bestimmt nicht der Qualität im Service. Und Sergio, ebenfalls ein langjähriger Mitarbeiter, fügt hinzu: «Wenn man stets im Kopf hat, ja keinen Fehler zu begehen, vergisst man schlussendlich den Gast.»

Dass die Kontrollen übertrieben werden, bestätigen sogar Zugbegleiter. «Kassensturz» liegt ein internes SBB-Dokument vor, in dem Zugbegleiter klare Worte wählen und die direkten Vorgesetzten von Minibar- und Speisewagenangestellten, die sogenannten Sales-Manager, in ihrem Verhalten als problematisch beschreiben: «Die Sales-Manager sind auf Fehlersuche. Ihr Ton ist oft nicht angemessen. Sie üben unverhältnismässig viel Druck auf Elvetino-Mitarbeiter aus.»

Strafpunkte zur «Disziplinierung»

Seit knapp einem Jahr gilt bei Elvetino ein neues Disziplinierungs-System. Für jeden Mitarbeiter führt die 100-prozentige SBB-Tochterfirma ein Strafpunkte-Konto. Fehlt beispielsweise das Namensschild, erhält der Mitarbeiter einen Strafpunkt. Einen Strafpunkt gibt es auch, wenn eine Kaffeekapsel fehlt. Gleich drei Punkte fährt ein Minibar- oder Speisewagenmitarbeiter ein, wenn er die Verkaufsquittung nicht abgibt. Insgesamt listet Elvetino über 20 Regelverstösse auf.

Die Kündigung stets vor Augen

Das strikte Disziplinierungswesen sieht vor, dass Elvetino bei fünf Punkten einen Verweis ausspricht. Bei acht Punkten fliegt der Angestellte raus. Mit diesem Disziplinierungssystem habe man der Willkür entgegenwirken wollen, sagt Wolfgang Winter, CEO von Elvetino.

Zuvor hätten Sales-Manager eher situativ entschieden. «Das Ziel dieses Disziplinierungssystems war es, diese Willkür auszuschalten und eine Gerechtigkeit zu schaffen, wo alle gleich sind. Vergleichbar mit dem Gesetz.»

Wenn jemand einen Fehler begehe, wisse diese Person im Voraus über die Sanktionen Bescheid. Dass es sich hierbei um ein fehlerorientiertes Disziplinierungs-System handle, streitet Winter ab: «Wir motivieren niemanden, Fehler zu machen. Den Fehler muss der Mitarbeiter immer selber machen.»

«Das Geld reicht kaum zum Leben»

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Bildlegende: Ein Lohnausweis für ein 100-prozent Arbeitspensum. SRF

Es sind bescheidene und pflichtbewusste Leute, die «Kassensturz» trifft. Es scheint den Elvetino-Mitarbeitenden unangenehm, über ihren Lohn zu reden. Carmen, Sergio und Olivier geben dennoch einen Einblick in Ihre Lohnabrechnung: Elvetino zahlt ihnen – die zwischen sieben und zwölf Jahren für das Unternehmen tätig sind – netto zwischen 3370 und 3880 Franken. «Also ich lebe ganz knapp. Ich lebe nicht in Luxus und habe dennoch Mühe alles zu bezahlen», bedauert Carmen, die Vollzeit bei Elvetino arbeitet.

Hinzu kommt: Elvetino-Mitarbeiter berappen falsch getippte Ware oft mit ihrem mickrigen Lohn. Der Grund: Auf der Kasse gibt es keine Löschtaste mehr. Zu oft sei diese missbraucht worden, heisst es bei Elvetino. Die Mitarbeiter müssen Stornos schriftlich begründen.

In der Zentrale in Zürich entscheidet die Administration darüber, ob diese Stornos akzeptiert werden oder eben nicht. Die Konsequenz daraus ist, dass die Mitarbeiter nicht selten den Inventar-Unterschied lieber aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen, anstatt den Verdacht auf Betrug auf sich zu ziehen.

13,5 Stunden in Uniform – nur 10 Stunden bezahlt

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Still und heimlich eingestellt

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Der SBB-Hightech-Minibar-Versuch. Kostenpunkt: Mehrere hunderttausend Franken. Mehr dazu erfahren Sie im «Espresso».

Elvetino-Mitarbeiter leiden auch unter unhaltbaren Arbeitszeiten. Regula Bieri von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals kämpft seit dem letzten SBB-Fahrplanwechsel zusätzlich an der Dienstplan-Front. Vermehrt teile Elvetino lange und unbezahlte Pausen ein – an irgendeinem Bahnhof der Schweiz.

Bieri zeigt ein Beispiel: «Dieser Mitarbeiter fängt morgens um 6.30 Uhr an und hat erst abends um 20 Uhr wieder Dienstschluss. Das heisst, er ist 13,5 Stunden in der SBB-Uniform unterwegs, bezahlt wird er aber nur für 10 Stunden.» Dies käme aufgrund von zu vielen und zu langen Pausen zustande.

Gesetzeskonforme Entschädigung

Wolfgang Winter, der CEO von Elvetino weiss von solchen Diensten. Es seien jedoch ein paar wenige, bei denen es nicht anders möglich gewesen sei. Ein Grund dafür ist, dass diese Dienste aufgrund des Fahrplans gegeben sind und auch aufgrund der Angebotsnachfragen. Wichtig sei, dass die Dienstpausen gesetzeskonform zu 30 Prozent entschädigt werden.

Leiterin des SBB-Personentransports nimmt Stellung

Jeannine Pilloud verantwortet als Leiterin Personentransport die Strategie der SBB Gastronomie. Gleichzeitig ist sie Verwaltungsratspräsidentin von Elvetino. Im «Kassensturz»-Interview zeigt sie sich betroffen über die geschilderten Zustände bei Elvetino.

Interview mit Pilloud

7:07 min, aus Kassensturz vom 2.2.2016

«Es ist natürlich überhaupt nicht in unserem Sinne, dass das so ist.» Sie sei aber überzeugt, dass das Geschilderte nicht für das ganze Unternehmen Elvetino stehe. «Es ist aber so, dass wir diese Hinweise ernst nehmen und auch anschauen», sagt Pilloud.

Wenn sie das so geschildert bekomme, müsse sie mit den Teamleitern schauen, dass diese so geschult würden, dass eine Kontrolle nicht als Schikane beim Mitarbeiter wahrgenommen werde. Oder dass sich dieser als «Bschiesser» fühle.

Jeannine Pilloud nimmt im «Kassensturz» weiter Stellung zu den tiefen Löhnen der Elvetino-Mitarbeiter, der Abschaffung der Minibar und sie verspricht, dass diese Angestellten, alle ein Angebot bekommen werden, um weiterhin auf den Zügen der SBB arbeiten zu können.

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