Eine Pille, zwei Preise: Dieser Pharma-Trick kostet uns Millionen

Von Hunderten Medikamenten gibt es identische Kopien. Pharmafirmen verkaufen solche «Co-Marketing»- Arzneimittel unter anderem Namen viel günstiger. Absurd ist: Die Krankenkassen müssen auch die viel teureren identischen Pillen vergüten. «Kassensturz» zeigt, so werden Millionen verpulvert.

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Eine Pille, zwei Preise: Dieser Pharma-Trick kostet uns Millionen

12 min, aus Kassensturz vom 27.10.2015

Das hätte die «Kassensturz»-Zuschauerin nicht für möglich gehalten: Ihr Arzt verschrieb ihr das Medikament Seroquel. In der Apotheke erhielt sie das Generikum Sequase. Kein Problem für die sparsame Patientin. Doch zu Hause entdeckte sie: Seroquel und Sequase ist das gleiche Medikament. Die gleiche Pille in einer anderen Schachtel.

Der Name ist ähnlich, der Hersteller der gleiche: Astra Zeneca. Die Tabletten haben sogar den gleichen Aufdruck: Seroquel, den Namen des Originals. Der Unterschied ist aber der Preis.

Das gleiche Medikament, aber 83 Prozent teurer

Der Preisunterschied ist frappant: Das Original Seroquel kostet 66.30 Franken. Sequase, die gleichen Tabletten in anderer Verpackung, jedoch nur 36.30 Franken. Das identische Seroquel kostet somit 83 Prozent mehr. Für die Patienten ist das ein Witz. «Es sollte nicht erlaubt sein, dass man das gleiche Medikament zu zwei komplett anderen Preisen anbieten kann», ärgert sich die Zuschauerin.

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Bildlegende: Vergleich Seroquel-Sequase. SRF

«Kassensturz»-Recherchen zeigen: Seroquel und Seqase sind nur ein Beispiel von vielen. Mehrere hundert Medikamente gibt es doppelt. Sogenannte Co-Marketing Präparate.
Das heisst: Die Pharmafirma verkauft das identische Medikament unter anderem Namen zu einem anderen Preis.

Die Absicht der Pharmafirmen: Sie bringen ihr eigenes Medikament als Kopie auf den Markt, oft kurz bevor das Patent abläuft. So bekämpfen sie Generikahersteller und kassieren doppelt: Mit dem Original und der günstigen Kopie.

Beispiele für diesen Marketingtrick gibt es viele

  • Den Bluthochdrucksenker Diovan von Novartis für 35.65 Franken verkauft die Tochterfirma Sandoz unter dem Namen Valsartan, die gleiche Packung kostet 27.70 Franken. Diovan ist 29% teurer.
  • Astra Zeneca verkauft den Protonenpumpen-Hemmer Nexium unter dem Namen Esomep. Nexium ist 68% teurer.
  • Cholesterinsenker Sortis für 150.15 Franken bringt Pfizer bringt unter dem Namen Atorvastatin auf dem Markt. Preis: 76.25 Franken. Sortis ist 97% teurer.

75 Millionen Franken Kosten für die Prämienzahler

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Bildlegende: Vergleich von Co-Marketing-Medikamenten. SRF

Das Problem: Krankenkassen müssen für beide Präparate bezahlen. Auch für das teure. Das kostete Schweizer Prämienzahler 2014 nach Expertenschätzungen 75 Millionen Franken.

Das sei verpulvertes Geld, sagt Urs P. Gasche, Pharmaexperte und Mitglied der Arzneimittelkommission. Es gebe keinen Grund bei zwei identischen Medikamenten auch das teurere zu bezahlen: «Das Gesetz schreibt klar als Voraussetzung für die Kassenpflicht vor, dass ein Medikament wirtschaftlich sein muss. Wenn es zwei völlig identische Medikamente gibt, und eines teurer ist als das andere, ist das teurere unwirtschaftlich», sagt Gasche.

Der Bundesrat halte das Gesetz nicht ein. Zur Freude der Pharmaindustrie habe er Verordnungen erlassen, die den Kassen vorschreiben würden, dass sie auch die teureren unwirtschaftlichen Medikamente bezahlen müssen.

Pharma-Industrie: «Co-Marketing ist Ausnahme»

Die Pharmabranche spielt die Bedeutung von Co-Marketing herunter. «Co-Marketing ist eher die Ausnahme als die Regel», sagt Interpharma-Sprecher Thomas Cueni. Zudem würden Ärzte und Patienten die Auswahl schätzen.

Doch sogar der Vertreter der Pharmabranche muss eingestehen: «Wenn ich zweimal das identische Angebot habe, aus der gleichen Küche mit den gleichen Wirts- und Hilfsstoffen und das eine kostet fast halb so viel wie das andere, dann ist das erklärungsbedürftig.»

Preisüberwacher fordert: Nur das günstigere wird bezahlt

Preisüberwacher Stefan Meierhans fordert, dass die Krankenkassen beim Co-Marketing das teurere Produkt nicht mehr bezahlen sollen: Im Krankenversicherungsgesetz stehe, dass alles wirtschaftlich sei muss, das die Krankenkasse zahlen. «Das heisst, dass man Präparate, die nicht wirtschaftlich sind, weil es ein identisches, günstigeres gibt, nicht mehr vergütet.»

Daniel Bach vom Bundesamt für Gesundheit verteidigt im «Kassensturz»-Interview die aktuelle Situation (siehe Video). Sie helfe längerfristig Kosten zu sparen: «Die Ärzte haben die Freiheit, ein günstigeres Medikament zu verschreiben. Das hilft, Kosten zu senken.» Würden die teureren Originale nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt, so hätte die Pharmaindustrie keinen Anreiz mehr, günstigere Co-Marketing-Präparate auf den Markt zu bringen und die Gesundheitskosten würden teurer.

Stellungnahmen der Pharmaunternehmen:

Astra Zeneca: Mit der Einführung einer Zweitmarke in der Schweiz sind wir in der Lage, die Originalsubstanz zum Preis eines Generikums anzubieten und damit die Medikamentenkosten in der Schweiz zu senken.

Pfizer: Pfizer hat sich dazu entschlossen, mit Atorvastatin Pfizer ein eigenes Generikum anzubieten um Patienten und Ärzten die Wahl zu ermöglichen, das bewährte Pfizer-Medikament zu einem günstigen Preis und tiefen Selbstbehalt zu beziehen.

Novartis: Der Entscheid zum Umstieg auf das Co-Marketing-Arzneimittel obliegt dem Patienten bzw. dem behandelnden Arzt.