Kolumnen: Vonwegen einmal hü & einmal hott - Pony M. ist Kult

Seit ich ihre erste Kolumne gelesen habe, möchte ich in ihrem gescheiten Kopf und ihrem mutigen Herzen wohnen. Mit ihrem dritten Buch «1982» schreibt sich Yonni Meyer in den Kolumnen-Olymp. Gescheit, unterhaltend und auf den Punkt und so natürlich direkt in unser Herz.

Nora Zukker
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Im Sommer 2013 hat Yonni Meyer auf ihrer Facebookseite Pony M. erstmals einen Text gepostet. Im Frühling 2014 waren es bereits 26'000 Likes. Heute, sind es knapp 62.000 Menschen, die Pony M. mögen. Wie das passieren konnte, kann sich keiner erklären. Am wenigsten Yonni Meyer. Heute kann sie davon leben.

Ihre Lesungen sind ein halbes Jahr im Voraus ausverkauft und das ist gut so

Nicht irgendwo in der Agglo in einem Gemeinschaftszentrum. Nein, das sind Häuser wie das Casinotheater in Winterthur. Manchmal kommt es durchaus vor, dass Yonni Meyer gleich zwei Abende hinter einander am gleichen Ort liest. Beide Abende ausverkauft versteht sich. Ich weiss schon, was es ist, dass die Menschen auf ihre Lesungen rennen. Die Frau hat eine Mimik, da denk ich mir: Warum ist sie um Himmels Willen nicht beim Theater? Ihn ihrem Gesicht passiert während dem Vorlesen so viel, dass ich hingerissen und verzaubert zuhöre. Da werden die Augen im richtigen Moment aufgerissen und herzhaft gelacht, wenn es eben passt. Das ist Intuition und das kann sie einfach so gut, dass ich nach zwei mal 40 Minuten Frontallesung ohne Katzenvideos wirklich traurig bin, wenn ich nach Hause gehen muss.

Auszug aus: «Fick dich, biologische Uhr»

Gestern hatte ich Geburtstag. Ich wurde 27 Jahre alt. Schon wieder. Zum siebten Mal, um genau zu sein.
Ich mache zwar oft Witze darüber, aber ich war nie eine Frau, die Mühe mit ihrem Alter hatte. Ich fand auch 30 zu werden völlig easy. Obwohl ich damals erst gerade meinen Master abgeschlossen, ein Doktorat abgebrochen und noch nie mehr als 2500 Franken pro Monat verdient hatte, fühlte ich mich wohl und hatte keine Versagensgefühle. Ich kam mit dem aus, was ich hatte und passte meinen Lebensstil dem an, ohne mich vollumfänglich einschränken zu müssen.
Eigentlich fühle ich mich auch heute gut – 34 ist ein tolles Alter, sowohl für andere als auch für mich. Man ist (grösstenteils) bei sich angekommen, hat das eine oder andere ausprobieren können und weiss langsam, was man will und was nicht. Meine heutige Karriere begann erst, als ich 31 war und es war nicht vorauszusehen, welche Ausmasse sie annehmen würde.
Beruflich läufts fantastisch, ich kann reisen, habe einen tollen Freundeskreis, eine tolle Wohnung und so weiter. Ich bin frei, unabhängig, easy peasy Gomfibrot. Der Traummann lässt zwar noch auf sich warten, aber auch der kommt dann schon noch. Eigentlich wär alles schon fast kitschig ideal-harmonisch.
Wäre da nicht dieses leise «Tick ... Tack ... Tick ... Tack ...», das sich nun immer öfter in meinen Hinterkopf schleicht.
JA. ICH WEISS. Ich dachte auch immer, das mit der biologischen Uhr sei Blödsinn und es käme alles zu seiner Zeit und wenn nicht, dann halt nicht und chilled sie mal, gopf.
Nope. Leider bin ich da nicht anders als Millionen anderer Frauen. Heute im Tram zum Beispiel, da sah ich einen etwa einjährigen Buben in einem Flausch-Overall mit Füessli und Ohren und mir wäre fast der Uterus aus dem Unterleib gesprungen, so herzig fand ich ihn.
Will ich das? Nein! Passierts einfach? Jawoll.
Dann sind da die Falten. «Das sind ja nur Lachfalten!» DINI MUETER HÄT NU LACHFALTE. Da sind auch Stirnfurchen und Krähenfüsse und was auch immer diese Runzeln sonst noch für fürchterliche Namen tragen. Und plötzlich tauchen auch diese drahtigen Haare am Kinn auf. Und auf der Oberlippe. Eklig? ABER VOLL! Trotzdem nicht zu verhindern, wie es scheint.
Mal ganz abgesehen von den weissen Haaren, die sich immer öfter an der Tönung vorbeischleichen. Wie es scheint, haben die dann zu allem Elend auch noch eine andere Struktur als der ganze Rest und fliegen, der Gravitation trotzend, stramm gen Himmel, damit man sie auch ja sieht. Arschlöcher.
Gleichzeitig ertappt man sich immer öfter, wie man ganz ehrlich und aufrichtig interessiert die Arena schaut, ganze Zeitungen liest und wie man plötzlich Mittagsschläfchen als Lieblingshobby hat.
Party macht man am liebsten schon spätnachmittags – damit man so gegen Mitternacht auch noch aufs letzte Tram kann und genügend Zeit hat, den mittlerweile drei Tage andauernden Kater zu verkraften.
Irgendwann kommts noch soweit, dass ich meine Steuererklärung pünktlich einreiche, du, Ehrewort ...

Auszug aus «Diagnose: Allein»

Irgendwie kam mir meine Solo-Tour in dem Moment vor wie eine Mischung aus Lepra und Mount Everest-Besteigung. Als wäre ich wahnsinnig mutig, aber machen wollen würde es dann eben doch niemand.
Beim Abendessen setzte ich mich mit meinem Buch (übrigens sehr zu empfehlen: «Das Ende der Schonzeit» von Werner Rohner) im gehobenen Hotel-Restaurant an einen Tisch.
Und wieder: «Wänd Sie scho öpis bstelle oder warted Sie uf Ihri Begleitig?»
«Nei, isch guet. Ich bin elei.»
Wieder ein Blick, als hätte ich gerade mein Kuscheltier verloren, gefolgt von hurtigem Wegräumen des zweiten Gedecks auf dem Tisch. Der Kellner, und er meinte es sicher gut, kam dann geschätzte 746 Mal an meinem Tisch vorbei und fragte, ob alles in Ordnung sei. Auch von ihm kam ein: «Isch Ihne nanig langwiilig?» Hehehehe. Nei. Gopf.
Irgendwann kam ich an den Punkt, wo ich dachte: Was zur Hölle ist eigentlich los? Haben wir mittlerweile pauschale Panik, wenn jemand mal allein ist? Oder Angst, man könnte sich mit Alleinititis (hihi, «Titis») anstecken?
Ich beobachte das nicht nur als Reaktion auf Leute, die allein sind, sondern auch ganz generell in Beziehungsfragen. Haufenweise meiner Bekannten sind, selbst nach dem Ende jahrelanger Beziehungen, innert Wochenfrist auf Tinder oder ähnlichem. Als wäre es unmöglich zu ertragen, mal einfach einen Moment mit sich selber zu sein. Und dann beklagen sie sich, dass keine/r passt. Kunststück! Du weisst ja nicht einmal, wer du bist, weil du keine einzige Sekunde einfach mal mit dir allein gewesen bist und herausgefunden hast, was die vergangene Zeit und die vergangene Beziehung eigentlich für einen Menschen aus dir gemacht haben. Wie sollst du da wissen, wer zu dir passt?

Autor/in: Nora Zukker