Umstritten: Der Medienroman «Bad News» von Bruno Ziauddin eckt an

Der Journalist Bruno Ziauddin schreibt mit «Bad News» ein Insider-Portrait über die Zürcher Medienwelt. Dass der Autor die Nähe zu den Figuren vernachlässigt, kompenisert er mit seiner pointierten und kolumnenmässigen Sprache. Ein brandaktueller Pageturner.

Nora Zukker liest das Buch «Bad News»
Bildlegende: Nora Zukker SRF 3

Ein scharfsinniger Medienroman über Manipulation und radikale Stimmungsmache.

Der junger Journalist M. macht Karriere bei einer Wochenzeitung und gerät in den Sog des schillernden, diabolischen Chefredakteurs T. – mit lebensbedrohlichen Folgen. Anfangs versucht M. den nationalkonservativen Furor seines Chefs mit Humor zu nehmen, zumal der smarte Blattmacher dabei brillant und originell vorgeht. Zunehmend irritiert stellt M. fest, dass er in seiner neuen Position kaum etwas entscheiden darf und auch noch den Sündenbock für seinen Chef und dessen Umstrukturierungspläne spielen soll. Irritiert ist allerdings nicht nur M., sondern auch eine Gruppe radikaler Muslime, die die Hetze gegen Ausländer satt hat. Jemand soll dafür bezahlen. Ein temporeicher und scharfsinniger Thriller über die Manipulation und Stimmungsmache in Medien und Gesellschaft.

Leseprobe

Er sah in den Spiegel, machte ein Geräusch, als müsste er sich übergeben, ging zurück ins Schlafzimmer, stieg aus der Anzughose (Helmut Lang) und nahm die Italo-Jeans aus dem Schrank, die ihm die Ex bei einer ihrer letzten Städtereisen aufgeschwatzt hatte (180 Euro, Mailand). Sein künftiger Chef würde bestimmt einen Zweireiher aus schwerem Stoff tragen, dazu eine Krawatte mit zwiebelgroßem Krawattenknopf. Das sah zwar scheiße aus, gerade bei einem jüngeren Mann, signalisierte aber Seriosität, Berechenbarkeit und Wirtschaftsnähe. Natürlich wollte auch er heute Abend nicht wie ein Attac-Aktivist daherkommen. Immerhin handelte es sich um einen – nein: feierlich war zu pathetisch, schließlich ging es weder um eine Hochzeit noch um eine Beerdigung. Aber ein spezieller Moment war das schon. Für ihn persönlich, nicht für die Völkergemeinschaft, schon klar. Neun Tage waren seit dem leicht surrealen Anruf vergangen. Samstagabend, Viertel nach zehn, unbekannte Nummer. Er saß beim Spanier im Rotlichtviertel, um sich den Clásico anzusehen. Welcher Depp ruft um diese Zeit an?, dachte er. Die Neugier siegte (1:0), und er zwängte sich an erregten Fußballfans vorbei ins Freie, um das Gespräch entgegenzunehmen. Vielleicht war die Schönheit aus der Klinik dran (ein In-Klub, keine Nervenheilanstalt). Was er zu hören bekam, war die größte Lobeshymne, die je auf ihn angestimmt worden war; schade, dass er kein Aufnahmegerät dabeihatte. Herausragend! Einer der begabtesten Journalisten seiner Generation! (Als sei der Anrufer siebenundachtzig und er vierzehn.) Die Wahl der Themen: überraschend, aber nicht überoriginell! Die Umsetzung: differenziert, aber nicht beliebig! Der Ton: ironisch, aber nie zynisch! Überhaupt die Sprache: Champions League! (Vorgesetzte und ihre Sportmetaphern, das wäre mal einen Artikel wert.) Und dann fiel dieses Wort, das beinahe alles kaputtgemacht hätte: Ob er Interesse habe, bei der wichtigsten Wochenzeitung des Landes Führungsverantwortung zu übernehmen. Führungsverantwortung. Ein Wort mit zwiebelgroßem Krawattenknopf. Genau wie Zielgruppenorientierung, Synergien, USP, Ebit-Marge. Er hasste den Businessjargon, der sich auf den Redaktionen ausbreitete, als sei Journalismus ein MBA-Seminar und Chefredaktoren McKinsey Aspiranten. Er wollte nichts mit diesen Wörtern zu tun haben. Das war Anthrax für den Geist. Schon Kleinstmengen konnten einen heillos kontaminieren. Fhrngsvrntwrtng. Keine Lust, dachte er und ahnte im selben Moment: Er würde zusagen. Als freischaffender Journalist Anfang dreißig konnte man ein solches Angebot nicht ablehnen. Sonst war man reif für die Klinik (nein, nicht das In-Lokal). Er wurde von einer inneren Unruhe erfasst, einer diffusen Angst, etwas Entscheidendes zu verpassen – wie ein Gaffer, den es zu einer Menschenansammlung hinzog, obwohl er kein Blut sehen konnte. Während der darauffolgenden Tage kam es zu intensivem E-Petting. So nannte sein alter Freund Doppelhuber (er wog hundert Kilo, daher der Name) den mit Schmeicheleien, risikolosen Hänseleien und der Zurschaustellung von Esprit dekorierten Mailverkehr, den Vorgesetzte und die von ihnen umworbenen Mitarbeiter in jenem sorglosen, an Verliebheit grenzenden Stadium pflegen, in dem aus der Möglichkeit des Zueinanderfindens süße Gewissheit wird. Schließlich einigte man sich auf den Lohn, auch das ein Spiel. Er wusste, dass er mehr hätte herausholen müssen, und sein künftiger Chef wusste, dass er mit weniger als dem Maximum davonkommen würde. Wie immer, wenn er jemandem zu einem Karrieresprung verhalf. Nachdem ihn auch Karina ermutigt hatte, die Stelle anzunehmen, gab es keine Ausreden mehr. Aber was heißt schon ermutigt? «Wenn du jetzt kneifst, bist du eine Megasissi», hatte sie kühl gelächelt. Und angefügt: «Du wirst dreimal so viel verdienen wie ich und musst dir am Abend keine Babykacke von den Fingernägeln kratzen.» Überraschend war weniger, dass der Fall für sie klar war. Für sie waren die Fälle immer klar. Das befremdete ihn an ihr und zog ihn zugleich an. Geld gut, Ferien gut, Sex gut. Montag schlecht, Mens schlecht, schlechtgekleidete Männer schlecht. House besser als Hiphop, Gillette Venus besser als Enthaarungscreme, Chef besser als Vizechef, Vizechef besser als nichts. Entsprechend ungerührt hatte sie seine zweihundertsiebenundfünfzig objektiv begründeten Einwände zur Kenntnis genommen, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augenbrauen übertrieben hochgezogen, wie man einem Dreijährigen zuhört, der sich vor dem Krokodil hinter dem Sofa fürchtet.

 

Das Buch wird am Donnerstag 11. Februar 2016 um 20 Uhr im Zürcher Kaufleuten getauft!

 

Bruno Ziauddin
Bad News
Verlag Nagel & Kimche, 201 Seiten
ISBN: 978-3-312-00690-8

 

 

Autor/in: Nora Zukker