«Angeklagt» von Mariella Mehr 1/7

Kari Selb, eine junge Frau, erzählt der Gerichtspsychologin in einem rauschhaften Monolog von ihrem Leben, von ihren Gewalttaten, Brandstiftungen, Morden. Die Autorin Mariella Mehr findet eine gnadenlose Sprache, die in ihrer verwirrenden Aesthetik von Schmerz und Gewalt irritiert und erschreckt.

Bildlegende: SXC/siewlian

«Angeklagt» (2002) ist nach «Daskind»(1995) und «Brandzauber»(1998) der dritte Roman der Gewalt-Trilogie von Mariella Mehr. Und er ist wohl der gnadenloseste von allen. Einer grausamen Kindheit entwachsen, entdeckt die junge Frau eine zwanghafte und erlösende Lust am Zerstören, Brandstiften und Morden. Hinter den verrückten Taten steckt kein greifbares Motiv, kein erkennbares Ziel. Mariella Mehr führt uns hinein in die verrückte Normalität des Wahnsinns, auf dem dünnen Niemandsstreifen zwischen Traum und Realität. Figuren tauchen auf, die nur im Kopf der Redenden existieren, die sie antreiben zu ihren Gewalttaten: Malik, Seraphim, abgespaltene Teile eines Ich, das sich verloren hat.

Sprecherin: Susanne Marie Wrage - Regie: Geri Dillier - Produktion SRF 2014 - Dauer: 25‘

Mariella Mehr gehört zu den eigenwilligsten und radikalsten Gegenwarts-Autorinnen der Schweiz. Als Jenische 1947 in Zürich geboren, wurde sie als Kind von den fahrenden Eltern zwangsweise getrennt. Es folgte eine Kindheit und Jugend in 16 Kinderheimen, drei Erziehungsanstalten, vier psychiatrischen Kliniken und der Frauenhaftanstalt Hindelbank. Seit 1975 kämpfte Mariella Mehr journalistisch und literarisch für die Rechte der Roma und der Jenischen. Sie ist Gründungsmitglied der Radgenossenschaft der Landstrasse und Mitglied der International Romani Writers IRWA. 1998 erhielt sie für ihre schriftstellerische Leistung und ihr minderheitspolitisches Engagement die Ehrendoktorwürde der Universität Basel. Marielle Mehr lebt heute in der Toskana. Ihre Werke sind grösstenteils vergriffen.

Mit der Lesung soll auf diese wichtige Stimme in der Schweizer Literatur wieder aufmerksam gemacht werden.

«Patin» dieser Lesung ist die Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji, die 2010 für ihren Roman «Tauben fliegen auf» den Deutschen und den Schweizer Buchpreis erhalten hat.

Redaktion: Geri Dillier