«Familienlexikon» von Natalia Ginzburg (1/5)

Es sind scheinbar wahllos aneinandergereihte Anekdoten ihrer Kindheit und Jugend. Doch in ihnen erweckt Natalia Ginzburg (1916-1991) ihre unterhaltsame und an Persönlichkeiten reiche Familie wieder zum Leben. Und gibt zugleich Einblick in das faschistische Italien Anfang des 20. Jahrhunderts.

Natalia Ginzburg erzählt aus ihrer Kindheit (Symbolbild).
Bildlegende: Natalia Ginzburg erzählt aus ihrer Kindheit (Symbolbild). George Eastman House

«‹Ich kann nichts erfinden›, hat Natalia Ginzburg in Interviews und Umfragen immer wieder betont. In der Tat kreist ihr ganzes Werk, zu dem Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke gehören, um das Thema Familie, das heisst um Personen und Situationen, die sie aus eigener Erfahrung kannte.

Wie unerhört reich der Erzählstoff war, den sie aus ihrem eigenen Leben schöpfte, zeigt ihr berühmtestes Buch, das 1963 erschienene «Familienlexikon». Es ist ein Erinnerungsbuch, das ohne romanhafte Verfremdung die Geschichte ihrer Familie erzählt und darüber hinaus die Geschichte Turins der 30er und 40er Jahre mit seiner Kultur, seinem politischen Mut, seiner Bedrohtheit.» (Aus dem Nachwort zum Roman von Alice Vollenweider).

Die erzählten Anekdoten reihen sich scheinbar zusammenhangslos aneinander, doch beschwören sie ein nahezu plastisches Bild dieser bunten, intellektuellen, italienischen Familie herauf. Diese dem Sozialismus verhaftete, jüdische Familie Ginzburg gerät durch den Faschismus in den Sog der Politik, und wird durch Verhaftungen, Emigration und Verbannung geprüft.

Eines der wichtigsten Bindeglieder dieser jahrelang getrennten Verwandten werden die Sätze und Redensarten, mit denen sich die Familie (in immer wieder gleicher Form) an Personen oder Situationen erinnerte. Diese oft banalen oder für Aussenstehende wie geheime Parolen klingenden Redewendungen aus Natalia Ginzburgs Kindheit bilden das «Lessico famigliare». «An einem dieser Worte würden wir uns im Dunkel einer Grotte unter Millionen von Menschen als Geschwister wiedererkennen.» (Natalia Ginzburg)

Sprecherin: Cornelia Froboess - Produktion Wagenbach Verlag, 2001
- Dauer: 30'13''

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Redaktion: Susanne Heising