Ehre sei den Tieren

Warum Indianer und Polarvölker die Natur achten

Ehre und Dank den Tieren – dies war die ursprüngliche Haltung der Indianer Nordamerikas und ihrer Verwandten in den nördlichen Polargebieten, die auf Gedeih und Verderb von der Natur und von Wildtieren lebten – wie auch unsere Vorfahren in Europa vor mehr als 10'000 Jahren. Naturvölker sehen sich nicht als die Herren der Natur, sondern als gleichberechtigte Lebewesen unter vielen anderen. Dieser Respekt kommt in vielen Mythen, Ritualen und in ihrer Kunst zum Ausdruck. «NETZ NATUR» begibt sich auf eine besondere Spurensuche zu den natürlichen Ursprüngen des Menschen, die auch uns heute wieder zu einem respektvolleren Umgang mit der Natur führen könnten.

Die Produktion dieser Sendung ist in Zusammenarbeit mit dem Nordamerika Native Museum (NONAM) entstanden.

Von den hiesigen Vorfahren, die während und nach der letzten Eiszeit vor mehr als 10'000 Jahren im Gebiet der heutigen Schweiz lebten, gibt es nicht viel mehr als spärliche, archäologische Reste, aus denen sich nur mühsam Einzelheiten ihres damaligen Lebens, ihres Denkens und ihres Handelns rekonstruieren lassen. In Nordamerika dagegen haben Indianervölker bis zu ihrem Kontakt mit den weissen Eroberern ab dem 15. Jahrhundert in naturverbundenen Kulturen überlebt. Die Gewinnung und die Verwendung von Eisen war ihnen damals nicht bekannt. Als einfache Pflanzer und Gärtner, vor allem aber als Jäger und Sammlerinnen hatten sie eine viel intensivere und direktere Beziehung und grossen Respekt gegenüber der Natur, als die Europäer, die aus übervölkerten Ackerbaugesellschaften ausgewandert waren und den nordamerikanischen Kontinent überrollten und die indianische Urbevölkerung verdrängten und vernichteten. So sind einerseits viele historische Berichte und Darstellungen über die ursprüngliche Welt der Indianer und der arktischen Völker aus der Zeit der ersten Kontakte mit Weissen vorhanden und viele der ausschliesslich mündlichen Überlieferungen wurden von den Überlebenden der Indianernationen weiter erzählt. In Zusammenarbeit mit dem North American Native Museum Zürich hat sich «NETZ NATUR» auf die Spur von Indianern und arktischen Völkern begeben und spannende Berichte und Legenden über die Tierwelt in der Sicht naturverbundener Menschen gefunden: Im Weltbild der Indianer sind die Menschen aus Naturelementen und Tieren entstanden.

Verschiedene Tiere bilden eigene Völker wie die Indianer selbst, und verschiedene Tiere stehen sogar am Ursprung der jeweiligen Stammes- oder Familiengeschichte: die Büffelnation, die Schildkrötennation oder die Libellennation, der Klan des Raben, des Wolfes oder der des Bären. Diese Nationen der Tiere werden als Verwandte betrachtet. Ohne ihren Einbezug geht nichts. Sie helfen den Menschen im Alltag, und die Menschen helfen ihnen oder bedanken sich zumindest bei ihnen. Bei Missachtung der Rituale und Gepflogenheiten läuft der Mensch Gefahr, Probleme zu bekommen, die Welt gerät aus dem Gleichgewicht.

Verschiedene Tiere haben bei verschiedenen Völkern ihre besonderen Rollen: Die Lakotas sehen den Koyoten als trickreicher Verführer, der aber das Zeug zum Führer aller Tiere hat. Ebenso trickreich ist der Rabe, den vor allem Indianer der Nordwestküste als Retter des Lichts sehen und verehren. Im selben Gebiet spielen auch Schwertwale, die Orcas, die entscheidende Rolle beim Erscheinen der Menschen auf der Erde, während ein Bison den ersten Menschen aus der Unterwelt in die Prärie begleitete. Tiere, von denen sich die Menschen hauptsächlich ernährten und mit allem Notwendigen versorgten wie die Millionen von Büffeln, die einst die Prärien durchzogen, die Karibus und Rentiere der polarnahen Tundren oder die unendlichen Lachsschwärme, die jedes Jahr in die Flüsse aufstiegen, genossen einen besonderen Status und wurden mit grossem Respekt genutzt und gleichzeitig verehrt.

Auch wenn die Tiere genutzt wurden, brachte man ihnen dabei doch grossen Respekt entgegen und bedankte sich, dass man sie töten und essen konnte. Dabei wird der Tod oft nicht als Endpunkt eines Lebens verstanden, sondern bloss als Wechsel zwischen verschiedenen Welten und Formen des Lebens, das durch den einen grossen Geist von Generation zu Generation weiter getragen wird.

Es ist durchaus anzunehmen, dass unsere Vorfahren, die während Hunderttausenden von Jahren von der Natur lebten, ihr in ähnlicher Weise verbunden waren. Diese Haltung steht in krassem Gegensatz zu den heutigen übermächtigen Agrar- und Viehzuchtgesellschaften, die die Erde bis aufs Letzte ausbeuten und störende oder unnütze Lebewesen rücksichtslos beseitigen. Die Erinnerung an den Respekt vor der Natur unserer Vorfahren könnte auch beim heutigen Nutzungsdenken an ein neues, rücksichtsvolleres Verhältnis gegenüber nicht menschlichen Lebewesen erinnern.

NETZ NATUR