Immuntherapie gegen Krebs – Eine Chance, aber kein Wundermittel

Dem Körper helfen, den Krebs selbst zu besiegen statt Medikamente zu verabreichen, die den Krebs abtöten: Die Immuntherapie ist einer der grössten Hoffnungsträger in der Krebsforschung.

Eine schematische Darstellung von Krebszellen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Idealfall lernt das Immunsystem dank der neuartigen Immuntherapie, solche Krebszellen selbst zu bekämpfen. imago

Den Krebs bekämpfen, als wäre er eine Infektionskrankeit: Geforscht daran haben Wissenschaftler schon lange, doch erst in den letzten Jahren hat das Prinzip Eingang in die Behandlung gefunden.

«  Wir behandeln nicht den Krebs, sondern den Patienten.  »

Daniel Speiser
Krebsforscher

Die Wirkstoffe der Immuntherapie kurbeln das körpereigene Abwehrsystem an. Dieses soll dann den Krebs bekämpfen, erklärt Daniel Speiser, Krebsforscher an der Universität Lausanne. «Wir behandeln nicht den Krebs, sondern den Patienten. Wir unterstützen seine Abwehrkräfte. Das ist ein ganz neues Prinzip. Es ist auf der Erfahrung aufgebaut, dass das Immunsystem die Krankheit effizient eliminieren kann.»

Einsatz beim schwarzen Hautkrebs

Dieses Prinzip kommt derzeit vor allem beim fortgeschrittenen schwarzen Hautkrebs zum Einsatz. Dort spricht zumindest ein Teil der Patienten auf die neue Therapie an, sagt Ulf Petrausch, Onkologe am Unispital Zürich. «Man geht davon aus, dass das zwischen 20 bis 30 Prozent der Patienten sind und dass die Patienten relativ lange von einer solchen Therapie profitieren, das heisst, dass der Tumor lange kontrolliert bleibt und in dieser Zeit nicht wieder anfängt, zu wachsen.»

Geheilt sind diese Patienten allerdings nicht – vielmehr lernt ihr Körper den Krebs in Schach zu halten, so dass ein Weiterleben über mehrere Jahre möglich ist. «Das ist etwas, das wir vorher bei diesen fortgeschrittenen Stadien nicht gesehen haben. Dort sind die Patienten meistens innerhalb von Monaten verstorben», so Ulf Petrausch. Jahre leben statt nur Monate also – immerhin. Für einige Patienten mit schwerem Hautkrebs ist das Dank der Immuntherapie heute möglich.

Eine Chance, aber kein Wundermittel

Allerdings beileibe nicht für alle. Warum das so ist und die Mehrheit der Hautkrebs-Patienten nicht auf die Immuntherapie anspricht, ist noch unklar.

Ebenfalls ein Problem sind die Nebenwirkungen der neuen Mittel. «Was wir jetzt bei den Patienten sehen, ist, dass sich das Immunsystem gegen den Tumor wenden kann – das wolen wir ja so. Aber durch diese neuen Medikamente kann es auch passieren, dass durch das Immunsystem auch körpereigene, gesunde Gewebe angegriffen werden», sagt Ulf Petrausch – vor allem der Darm, aber auch die Haut und die Lunge seien betroffen. Die Nebenwirkungen unterscheiden sich von jenen der herkömmlichen Chemotherapie und sind teilweise mit schweren Komplikationen verbunden.

Besser verträglich könnte eine zweite Generation von Immun-Wirkstoffen sein, die leicht anders wirkt als jene, die bisher auf dem Markt ist. Das erste Medikament wurde letzten Herbst in den USA zugelassen. Dieses und andere Mittel werden ausserdem zur Zeit darauf getestet, ob sie – neben dem Schwarzen Hautkrebs – auch gegen andere Krebsarten wirksam sind. Gegen Nierenkrebs etwa, Lungenkrebs oder Lymphdrüsenkrebs.

Fortschritt hat seinen Preis

Sollten die neuen Immun-Medikamente halten, was sie versprechen, könnte tatsächlich ein neues Kapitel in der Krebsmedizin beginnen. Ein Kapitel allerdings, das die Gesellschaft teuer zu stehen kommen könnte, sagt Krebsforscher Daniel Speiser. «Diese Medikamente sind ungemein teuer. Das geht in die Grössenordnung von 100'000 Franken pro Behandlung.»

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So funktioniert die Immuntherapie

0:52 min, aus Puls vom 3.2.2014

Die Medikamente werden also immer besser – aber eben auch immer teurer. Der Gesundheitsökonom Stefan Felder von der Universität Basel beobachtet allerdings: «Grundsätzlich ist festzustellen, dass die Zahlungsbereitschaft in der Schweiz sehr gross ist, wenn es um den medizinischen Bereich geht.»

Die Schweiz leistet sich ein vergleichsweise teures Gesundheitswesen: Sie wirft jährlich rund 14 Prozent des Volkseinkommens für den Gesundheitssektor auf. Nichtsdestotrotz, so Felder, soll die Schweiz gerade bei neuen, sehr teuren Medikamenten ganz genau prüfen, wie gross der Zusatznutzen für die Patienten wirklich sei.

Pharma investiert Milliarden

Die Pharmakonzerne lassen sich nicht von solchen Diskussionen abschrecken: Sie investieren zig Milliarden in die Erforschung von Immuntherapien. Bis jetzt haben die beiden amerikanischen Konzerne Bristol-Myers Squibb und Merck die Nase vorn. Aber auch Roche mische an der Spitze mit, beobachtet die Pharma-Analystin Lilian Montero der Bank Julius Bär. Roche versuche vor allem das eigene Diagnostik-Wissen mit der Immuntherapie zu kombinieren.

Gezielte Diagnostik-Tests sollen ganz am Anfang der Behandlung zeigen, welche Krebspatienten überhaupt auf eine teure Immuntherapie ansprechen. Das soll verhindern, dass sie wirkungslos verpuffen. Ein Ansatz, den Roche laut der Analystin stärker forciert als beispielsweise die amerikanischen Konkurrenten. Das erhöht die Effizienz des Medikaments, was sowohl bei den Ärzten als auch bei den Gesundheitsbehörden und Krankenkassen gut ankommen dürfte.

Die Branche setzt grosse Hoffnungen auf Immuntherapien: Es lockt ein Milliarden-Geschäft. Genaue Prognosen über künftige Umsätze zu machen sei aber schwierig, sagt Branchen-Expertin Montero. Zu viel sei noch unklar: zum Beispiel, wieviele Krebsarten dereinst mit Immuntherapien behandelt werden können, oder wie lange diese jeweiligen Behandlungen dauern.

Derzeit wird der Markt für Krebsbehandlungen auf gut 90 Milliarden Dollar beziffert. Immuntherapien könnten laut Schätzungen, die in der Branche kursieren, dereinst ein Volumen von bis zu 35 Milliarden Dollar umfassen. Pharmakonzerne hoffen auf ein grosses, lukratives Geschäft – Patienten auf bessere Mittel im Kampf gegen Krebs.